Einführung
Die Ausstellung JUBILÄUM! würdigt anlässlich des 70. Geburtstages das vielschichtige und beeindruckende Werk von Johannes Heisig, der hochgeschätzt zu den Vertretern einer expressiven figurativen Malerei der deutschen Nachkriegsmoderne zählt.
Johannes Heisig, kongenialer Sohn eines berühmten Maler- Vaters, wurde 1953 geboren. Er begann 1973 sein Studium der Malerei und Grafik an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, wo sein Vater, Bernhard Heisig, Professor und später Rektor war. 1978 wechselte Johannes Heisig an die Dresdner Kunstakademie und wurde Meisterschüler bei Gerhard Kettner. Unter Kettner, selbst wiederum ein Schüler von Dresdner Künstlergrößen wie Hans Grundig, Max Schwimmer und Hans Theo Richter, fand Anschluss an spezifische Traditionslinien der Dresdner Malerei, wie sie unter anderem durch Robert Sterl, Gotthard Kühl und Ernst Hassebrauk, vor allem aber durch Oskar Kokoschka und Otto Dix vertreten waren. Und obwohl oder gerade weil Johannes Heisig in der ostdeutschen Kunstszene der 1980er Jahre neben Hubertus Giebe und Walter Libuda als »Junger Wilder« galt, wurde er 1988, mit nur 35 Jahren, Professor und eine Jahr später, 19898, Rektor der Dresdner Kunsthochschule, der jüngste jemals in der DDR. In diesem Amt erlebte er die politische Wende und den teilweise zermürbenden Prozess, der fatalerweise den heute beklagten Zerfall der lokalen akademischen Tradition einläutete. Die Zeit der politischen Wende markierte eine tiefe Zäsur für Johannes Heisig. In der »neuen Welt« stand vieles von dem infrage, was bislang Voraussetzung des künstlerischen Schaffens war. Heisig antwortete darauf mit einem persönlich wie künstlerisch kräftezehrenden Aufbruch. In mehreren Schritten kehrte er Dresden den Rücken, gab 1991 Rektorat und Lehramt an der Hochschule auf, bezog 1994 ein Atelier in Berlin, 2000 folgte die endgültige Übersiedlung in die Hauptstadt. Auch nach Dresden bekennen sich seine Bilder zur eigenen Geschichte. Johannes Heisig hat sich keineswegs in eine selbstbezügliche Bildkunst geflüchtet. Nach wie vor steht er für eine narrative, das heißt erzählende Malerei ein, die für sich ein Publikum beansprucht und diesem eine Lesart abfordert. In den zurückliegenden Berliner und Teetzer Jahren ist dem Künstler eine Selbstbehauptung gelungen, die frappiert. Komplexe Bildwelten gleichen Bühnenräumen, in denen simultane Inszenierungen herausfordern.Ein wenig scheint hier das grandiose Welttheater eines max Beckmann auf, das die Wirklichkeit hinter den Dingen sichtbar machen will. Diese Bilder sind bewusst sperrig, leben von einer selbstverordneten Verrätselung - doch gerade darin liegt ihr fordernder Reiz. Johannes Heisig sucht die unmittelbare Reibung an der Welt und ihren Zusammenhängen. Ein »Weltgefühl«, das Privates mit Politischem und individuelle Gefühlslage mit gesellschaftlichen Ereignissen verwebt.
In der Porträtmalerei ist das zentrale psychologische Moment seiner Malerei mit Händen zu greifen. Selten gleitet der Pinsel an der bloßen Oberfläche des Sichtbaren ab. Die Erscheinung des Gegenübers wird als bisweilen schöne, immer jedoch empfindlich dünnhäutige und vergängliche Existenz beschrieben, anfällig für die stets zu gewärtigenden Zufügungen des Lebens, durchlässig für Gefühle der Freude, des Humors, der Melancholie, aber auch Gefühle der Angst, der Wut oder der Trauer. Johannes Heisigs bildnerischer Kosmos wird begleitet von großem malerischen Furor. Mit wuchtig-impressionistischen Pinselschlag und betörendem Kolorismus entfalten die Bilder Vitalität und Sinnlichkeit. Wahlverwandte sind ihm van Gogh, Cézanne und Chaim Soutine. Über fünf Jahrzehnte hinweg hat Johannes Heisig eine glanzvolle Handschrift entwickelt, welche durch die selbstkritische Praxis des Verwerfens und Suchens der Form erst zur Vollendung, ja zur Wahrhaftigkeit gelangt. Das Werk von Johannes Hiesig umfasst auch zahlreiche Landschaften sowie Blumen- und Tierstillleben, in denen die Kreatur und deren Vergänglichkeit gezeigt werden. Heisigs Rückzug aufs Land, in brandenburgische Teetz, hat seine Wahrnehmung und auch Teile seiner Malerei neu ausgerichtet. Er ist ein ruhiger und präziser Beobachter, der geduldig wartet, bis sich ein Motiv als bildwürdig erweist. Heisig spricht auch von einer »optischen Sensation«, die ein Motiv, so unscheinbar es auch sein mag, auszulösen imstande ist. Ob Blumenreste, Kürbis, Geweih oder Pilz. In der Ausstellung hängen furiose Gartenbilder mit altem Baumbestand, eine von Sonne gebleichte, flirrende Malvenwiese und die sich wie auflösende Landschaft des Dornbuschs auf Hiddensee, vibrierend und lichtdurchflutet. Diese delikate und raffinierte Malerei lässt die Natur geradezu pulsieren. Einigen dieser Landschaften und Stillleben wohnt eine heitere Gelassenheit und poetische Schönheit inne, anderen beklemmende Tristess und besorgniserregende Unruhe. In diesen einfachen und suggestiven Bildern offenbart sich das gesamte Spannungsfeld dieser großartigen Malerei.