Einführung
Der Dresdner Maler und Zeichner Hubertus Giebe zählt zu den bedeutenden Vertretern einer expressiven figurativen Malerei der jüngeren deutschen Nachkriegsgeneration. Seit den 1980er Jahren ist sein Name in der ost- und westdeutschen Kunstszene, spätestens seit den 1990er Jahren auch international ein Begriff und steht heute für eine herausgehobene Position zeitgenössischer Malerei. Die Ausstellung »Sichelmond« möchte das künstlerische Credo des Malers und Intellektuellen sowie die Genese seines unvergleichlichen Werks mit einigen wesentlichen Exponaten nachzeichnen. Im Mittelpunkt stehen allegorische ›Geschichtsbilder‹, die als prägnante und zugleich kontrastreiche Gleichnisse über unsere Welt und deren oft beklemmende Historie zu verstehen sind. Geschichtsfahnen, die 1990 auf der 44. Biennale als Bild-Rauminstallation in Venedig zu sehen waren, begegnen dem Porträt Josef Stalins (1990), einer apokalyptisch anmutenden Pietà (»Schwarzes Bild«, 1993) oder dem bedrängenden Szenario »Der Traum« (1997). Daneben zeugen die frühen Ölgemälde »Soldatenporträt« und »Kasernenstube«, beide aus dem Jahr 1973, von Giebes langjähriger Beschäftigung mit den Themen Krieg und Leid. All diese Bilder sind von hoher Aktualität und erzählen von innerer Befindlichkeit und Kampf, vom Ringen mit Welt und Geschichte, nicht zuletzt aber von der absoluten Notwendigkeit von Kunst.
Wieder und wieder, diesmal mit der inzwischen siebenten Einzelausstellung, umgeben wir uns mit den Figuren des Giebe’schen ›Welttheaters‹, konfrontieren uns mit den Kreaturen und Bildzeichen seines Pinsels. Sie waren und sind weiterhin Hauptgegenstand seines Schaffens: Mal puppenhafte, mal gefährdete Figuren, brutal anmutende Fragmente, bizarre Gegenstände und Sinnzeichen bevölkern suggestive schreckensstarre Szenerien, die der Künstler als Regisseur aufruft und in enge Bildräume zwingt.
Abseits der Sisyphos-Arbeit am ›Geschichtsbild‹, formuliert Hubertus Giebe in tradierten Sujets wie dem Bildnis, dem Akt, der Landschaft oder dem Stillleben eine nicht weniger forcierte, nicht weniger fordernde Bildsprache, bestimmt von demselben expressiven Duktus, demselben kraftvollen Kolorit, derselben Reduktion der Form und Schärfung der Kontur. Immer wieder begegnen dynamische Bewegung und flirrend leuchtender Kolorismus dumpfer Erstarrung und erschütternder Reglosigkeit. Wahlverwandte sind ihm darin Oskar Kokoschka, Max Beckmann und Otto Dix.
Die Bildwelten von Hubertus Giebe loten die Untiefen unseres Mensch-Seins aus, demaskieren und hinterfragen unsere Gesellschaft gleich bildgewordenen Mahn- oder Klagemalen. Doch während sich diese Malerei an unsere Humanität richtet, verfällt sie nie in kunstfremde Rhetorik, sondern spricht die reine Sprache der Malerei, folgt allein ihren Gesetzen und misst sich an den Größten ihrer Zunft.