Einführung
Glimmerschiefer, dunkle Wasser, üppige Blüten, Nachtgestalten. Blicklose Augen, Fassaden und Fenster, ein Säugling mit Blaumeise unterm Schutzmantel. Auch in seinen neuesten Bildfindungen liefert der zeitgenössische Maler und Grafiker Lutz Bleidorn keine geschlossenen Illusionen. Seine vielschichtigen Bildwelten sind voller Brüche und Verschiebungen, weil sie Realität mit Fiktion und Imagination verbinden, Vergangenheit mit Gegenwart, persönlich Erlebtes mit Geträumtem.
Im Jahr 1973 in Rendsburg in Schleswig-Holstein geboren, schloss Lutz Bleidorn 2011 das Meisterschülerstudium bei Elke Hopfe an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste ab. Seit 2019 ist er wieder in Rendsburg ansässig. Seine Ausstellung »Katzensilber Wasserschwarz« ist die vierte Einzelschau des Künstlers in der Galerie Himmel. Sie vereint mehr als 20 neue Gemälde aus dem Zeitraum von 2024 bis 2026, außerdem eine Auswahl seiner Collagen und Grafitzeichnungen.
Eine Grundlage für Bleidorns Werkprozess bilden Dias, Fotografien und das Zeichnen in der Natur, wobei er einzelne Blumen und Bäume oder größere Landschaftsausschnitte festhält. Auf Basis der skizzierten Natureindrücke, von erinnerten Bildern, prägenden Erlebnissen und Traumsequenzen bestimmter Orte oder Figuren entstehen dann im Atelier auf Papier oder Leinwand komplexe Bildgefüge, in denen der Künstler die eigene Familiengeschichte, seine Identität und Wahrnehmung ebenso thematisiert wie die Beziehung zwischen Mensch und Natur.
Bleidorns Kompositionen sind entweder als fluide Wimmelbilder angelegt, wie in der Strandszene »Saint 81« und in der adventskalenderhaften Darstellung »Die Stadt im Dezember«. Oder er baut die Bildräume als additive Gefüge von Farbflächen, fragmentarischen Gegenständen und Figuren oder deren Bruchstücken, wie in der Greifswald-Reflexion »Die Stadt G«, »Abendspaziergang« oder, noch spielerischer, in den Collagen »The Mountain«, »Wanderer in der Stadt der Ahnen« und In den »Hüttener Bergen«.
Gegenständlichkeit und Abstraktion stehen in Lutz Bleidorns Kunst grundsätzlich gleichberechtigt nebeneinander und kommen auch innerhalb eines Bildes, ähnlich einer Pendelbewegung zwischen Konkretion und Offenheit, zur gegenseitigen Wirkungssteigerung zum Einsatz. Man betrachte etwa die von abstrakten Farbfeldern umgebenen Architekturfragmente in »Die Stadt G« oder die Darstellung einer aufsteigenden Möwe in der großformatigen Arbeit »Saint 81«, wo sich der linke Flügel des Vogels in Wolken aufzulösen scheint. Das Bild als glaubhafte Illusion von Figürlichkeit und Perspektive kippt und lädt die Betrachtenden auf diese Weise zur Reflexion über die Wirklichkeit und den Status von Bildern ein. Der Wechsel zwischen pastosen malerischen Texturen und lasierenden Farbübergängen, zwischen beinahe reliefhaft- schrundigem Auftrag und glatten Oberflächen, zwischen Farbverlauf und Schnittkante macht die Betrachtung von Lutz Bleidorns Arbeiten dabei umso mehr zu einem besonders lebendigen visuellen Erlebnis voller Brüche.
Teresa Ende