Einführung
Das zentrale Thema des Bildhauers Thomas Jastram ist die menschliche Figur. Sein Werk hält Balance zwischen eigener Formschöpfung und Tradition, zwischen tektonischem Auf bau und Bewegung, zwischen Figur und Raum, zwischen Augenblick und Ewigkeit. Seine unverwechselbare Handschrift verdankt sich einem genauen Schauen und dem Fasziniertsein von seinen Modellen, seien es Stehende, Schreitende, Sitzende oder Liegende, sei es als Akt oder Gewandfigur, als Statuette oder lebensgroße Figur. Jastram ist ein Meister des Porträts, der mit bedachtsamen Erkunden um die Gestalt des Gegenübers ringt. Sein Lehrer an der Dresdner Kunstakademie, der Bildhauer Helmut Heinze, hat die Vorgehensweise seines Schülers so beschrieben: »Er suchte beim Porträtieren zuerst die Ähnlichkeit des Volumens bei der Anlage, er ging immer aufs Ganze, suchte die umfas sende rundplastische Form, danach erst die Details, die klei nen Maße, wie Nase, Mund, Auge. Fast steckt für ihn die Form bereits im Volumen des besonderen Kopfes.«
Thomas Jastram arbeitet besonnen, „um nicht“, wie er sagt, „das Leben aus der Plastik zu steigern.“ Mit den Porträts gelingen ihm außergewöhnliche Menschenbilder zwischen Abstraktion und Individualität. Kleine bis mittelgroße Bronzestatuetten zeigen den Menschen in scheinbar elementaren Haltungen und Gesten, mal erotisch und heiter wirkend, mal nachdenklich und fragil oder von milder Melancholie erfasst. Die Figuren kommen ohne Pathos aus, ihre Emotionen sind verhalten. Konkrete Gesichtszüge, die etwa Porträthaftes erkennen ließen, sind weitgehend aufgelöst. Es geht dem Bildhauer um das Ausloten der Ausdrucks- möglichkeiten von Figur, um individuelle Variationen, ohne die Gesetze des menschlichen Körpers zu missachten.
Einen wesentlichen Werkkomplex stellen lebensgroße Bronzeplastiken dar, die für den freien öffentlichen Raum entstehen. Monumentale Arbeiten befinden sich in Rostock, Schwerin, Neubrandenburg und Binz. In der Figurengruppe „Pieta“ (2010), Mahnmal für die Opfer der NS-Militärjustiz in Torgau, nähert sich Jastram dem politischen Denkmal auf sensible Weise. Ein aufgebahrter toter Mann und eine stehende Trauernde repräsentieren die Opfer des faschistischen Terrors und ihre Hinterbliebenen. Das Stehen der Lebenden betont als formaler Kontrast die horizontale Streckung des Toten. Doch ihr verhaltener Gestus formuliert eine beklemmend stille Lesart zur Gewalt in Diktaturen. Für die Bronzeplastik „Großer Reiter“ (1996), die heute an der deutsch-polnischen Grenze in Pomellen steht, holte Thomas Jastram das Pferd Casio ins Atelier. Jastram brauche das objektivierende Gegenüber der Realität, schloss der Kunsthistoriker Diether Schmidt. Eine genaue Modellstudie ist für ihn Voraussetzung für das Begreifen der Ordnung der Natur, aus der dann individuelle Wunder herausgearbeitet, akzentuiert und variiert werden können. Unterstützt wird die lebendige Wirkung der Figuren durch eine fein differenzierte, teils schrundig zerklüftete, gleichsam wie vibrierende Oberflächenmodellierung, die ein Verfangen von Licht und Schatten auf der bronzenen Haut in besonderem Maße zur Entfaltung bringt.