Einführung
In der Beschreibung einer Porträtsitzung bei Siegfried Klotz, gibt der Schriftsteller Wulf Kirsten ein lebendiges Zeugnis malerischen Schaffens: Nach kurzer Pause »wird sogleich mit der seit dem ersten Pinselschlag vorgegebenen Verve weitergearbeitet. Geradezu berserkerhaft, mit einer Vitalität, die aus dem ganzen Körper schöpft. So wie Augen und Hände die Überfülle zu bändigen bestrebt sind und die Impulse blitzartig gegeben werden, seh ich den Maler, wie er in seinem Arbeitshabit, an dem er sich schon so oft die Hände abgestreift hat, hantiert, ein Inbild der Besessenheit. An Farbauftrag wird nicht geknausert, als gelte es, ein Relief entstehen zu lassen.« Das Atelier von Klotz, seine »Arbeitshöhle« in der Kunstakademie auf der Brühlschen Terrasse, war ein Ort intensiven Schaffens. Der Maltisch glich einer Installation. Reste von Farben türmten sich, überall Pinsel, Farbtuben und Lappen.
Im Atelier vollzog sich seine Selbstbestimmung als Maler und als Mensch. Hier entstand in fast vierzig Jahren sein unverwechselbares Werk: Porträts, Akte, Stadtlandschaften, kraftstrotzend, unbändig und vital. Als Siegfried Klotz 1965 an die Kunstakademie kam, traf er auf Altmeister der Dresdner Malerei wie Otto Dix, Wilhelm Rudolph und Bernhard Kretzschmar. Besonders Kretzschmar wurde Klotz zum Lehrer und Vorbild, da er dessen Farbempfinden und Sinn für feine Valeurs schätzte.
Siegfried Klotz huldigte der Farbe: »Mein malerisches Programm ist es, Bilder aus Farbe zu bauen«. Pastos mit Pinsel und Spachtel Farbe auftragend suchte er die Balance zwischen einem am Motiv orientierten Realismus und einem formauflösenden, malerischen Expressionismus. Seine Porträtmalerei entwickelte er dabei zu regelrechter Meisterschaft. Der »Menschensucher«, wie er sich einmal selbst nannte, zeigt eine erstaunliche Sensibilität. Nicht von ungefähr deutete Diether Schmidt seine Porträts als »Psychogramme von Trieb und Lebenswillen«. Existenzielle Themen wie Angst, Sehnsucht und Begierde kreisen immer auch um ihn selbst. Vielleicht sind seine Porträts deshalb nie verletzend oder entlarvend, sondern vor allem eines: ehrlich.
Für die Stadtlandschaften, meist in unmittelbarer Nähe seines Ateliers auf der Brühlschen Terrasse, dem „Balkon Europas“ entstanden, wählte Klotz gern einen erhöhten Standpunkt, oft auch das Dach der Akademie. Als »Phantasus über Dresden« schuf Klotz großartige Panoramen, in denen er mit dynamischem Malgestus den »Mythos Dresden« auf die Leinwand bannte.
Siegfried Klotz schuf hunderte von Zeichnungen, vor allem Porträts und Akte. Viel mehr als bloße Vorstudien, wusste von deren Fülle und Qualität bis zu seinem Tod niemand. Das beherzt Zupackende und die explosive Kraft dieser Blätter lässt sie gleichrangig neben den Gemälden bestehen. Fast vier Jahrzehnte lang war die Akademie für Siegfried Klotz Heimat. Seit den frühen 70er Jahren assistierte und lehrte er bei Jutta Damme, Gerhard Kettner und Günter Horlbeck. 1988 folgte die Leitung des Grundstudiums Malerei, 1992 die Professur. Seine bedingungslose Hingabe an die Malerei hat Klotz wie kein anderer an seine Schüler weitergegeben, die sich glücklich schätzen, vom vielleicht letzten großen Repräsentanten der traditionsreichen Dresdner Schule unterrichtet worden zu sein.