Einführung
Zum dritten Mal binnen kurzem präsentiert die GALERIEHIMMEL Bilder von Johannes Heisig (2009–2013–2015). Heisig ist einer der Großen der deutschen Kunstszene. Wären die deutschen Museen nicht so verstopft mit ihren Besitztümern aus den reichen Jahren ihrer Ankaufsetats, wir würden seine Bilder überall finden! Ihm darf man ohne Schmeichelei nachsagen, dass er als Maler Fäden verknüpft von Corinth, Beckmann, Kokoschka und Vater Bernhard Heisig. In frühen Jahren – der Mann hat schon 1982 in Paris ausgestellt! - hat er es schnell gefunden: das autonome Gebiet Johannes Heisig. Seine Lust an künstlerischer Freiheit ist sein Kraftzentrum, Bild für Bild. Diese Ausstellung zeigt es. Mag er als Zweifler an die leere Leinwand gegangen sein, er hat sie für den Augenblick eines neuen Bilds mit Klarheit verlassen. Vermutlich ist es Kampf gewesen, am Ende stehen Klarheit und Freude über Formen und Farben! Der Betrachter bekommt in der aktuellen Ausstellung MONOLOGE Neues von den drei Themenfeldern des Künstlers: Weltbefragung – Porträt – Landschaft/Stillleben und erlebt Johannes Heisig kurz jenseits seines sechzigsten Geburtstags mit außerordentlichen Bildern. Ihre Formen und Farben fliegen uns von der Leinwand entgegen: Kraft, Unruhe, Verstörung, Klarheit, Ungeduld und Unglaube. Bei allem Dramatischen, Unberuhigten, Erschreckten seiner Bilder, ist nicht zu übersehen: Der Maler hat Humor. Sein NACHTWÄCHTER schaut keck aus dem Bild, nicht, dass er lachen würde, aber man kann ihn mit Kopfhaltung und Gesicht auch als Schelm lesen. Mag sein, dass des Malers Humor sich längst in Galgenhumor gewandelt hat. Mit sechzig Jahren wird ein Künstler nicht weise, wie auch, offensichtlich wird Heisig immer neu überrascht. Ihn überrascht eine Pilzkappe, die sich mit ihrem Gewicht sinnlich in das Tuch drückt, das unter ihr ausgebreitet liegt; ihn überrascht ein Blumenstrauß auf der leicht eingedrückten Heizungsauflage, der auf seine alten Tage mit der Natur draußen vor dem Fenster zu kämpfen versucht; ihn überrascht die wilde Kraft eines Gartens, als würde er sagen, ich kanns ohne euch auch. Natürlich, Johannes Heisig macht es sich nicht leicht mit der Welt-Anschauung. MACH DIR EIN BILD! lautet der Titel des großen Formats dieser Ausstellung. Seit wir uns mangels Zeit angewöhnt haben, Fotos für die Wahrheit zu nehmen und uns selbst glauben, dass wir das auf dem Selfi wirklich sind, ist dies das Diktum der Stunde: Mach dir ein Bild! Man spürt bei Heisig den Kampf vieler Elemente auf seinem Bild: einzelne Wahrheiten kommen in Kugeln und Luftblasen dahergeschwebt, Bilder an der Wand konkurrieren mit dem Fensterblick, begleitet von Klaviermusik strahlt die Bilder-geschundene Kreatur und vermag die Deutung nicht zu entscheiden. Eine der Kugeln könnte eine Feuerkugel sein. Sie ist unterwegs und könnte die Figur gleich treffen. Mach dir ein Bild! bevor es zu spät ist. Heisig gibt mehr denn je in solchen Themen-Bildern seine Machtlosigkeit gegenüber der Welt preis. Er weiß es nicht, er kann es nur malen. Er erzählt nicht zu Ende. Er malt auch nicht mehr zu Ende. Er changiert kraftvoll zwischen Im- und Expressionismus, freier denn je! Er versteckt seine Gedankenwelt nicht, aber er malt sie wuchtig als in die Hochhaus-Schlucht einstürzende Welle, er malt sie als Freude am Kurvenschwung der Bahngleise aus der Perspektive der Dächer. Dächer, Aussichtsplattformen waren schon von Beginn seiner Karriere als Maler an sein bevorzugter Standort. Nie hat er geglaubt, dass ihm dort wirklich der Überblick gelingt. Er hat uns schelmisch-witzig gezeigt, dass sie alle im Ausguck stehen, um von oben den Weg ins Paradies zu entdecken oder um ein Foto zu machen, Spektakel süchtig wie sie (wir!) sind. Sie (wir!) müssen ja versuchen nach oben zu kommen. Es ist die vertraute Bewegungsrichtung unserer Tage, außerdem herrscht auf den Liegewiesen fleischliches Gedränge. Der Mensch im Gedränge ist für Johannes Heisig das Bild gewordene Zeichen für den Menschen in Bedrängnis. Wenn wir uns ein Bild machten, wüßten wir, wie sehr wir in Bedrängnis sind! Heisigs Bilder stoßen an die inneren Bezirke unserer Ängste und sind zugleich Bild-Ereignisse. Wir können uns als Betroffene abducken und sagen: Schönes Bild! Heisig monologisiert dann mit Rilke: Denn das (Bild-) Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang...! Paul Klee gibt die Formulierung zu Heisigs Konzept: Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar. Heisig geht vom Abbilden aus, aber verschmilzt das Abbild auf der Leinwand in einem inneren Monolog mit seinem Wesen. Es gilt der Doppelsinn von „mit seinem Wesen“: dem des Abbilds und dem des Künstlers! Genau das ist es, was die Bildkunst von Johannes Heisig so wesentlich macht. Wesentlich für die deutsche Gegenwartskunst!
Michael Hametner