Einführung
Manfred Luther ist eine Ausnahmeerscheinung der jüngeren Kunstgeschichte Dresdens und überhaupt der ostdeutschen Moderne. Intellektuell suchte Luther nach einer Meta-Synthese der wissenschaftlichen Erkenntnisse von Philosophie, Mathematik und Physik, welche die Welt und ihre Erscheinungen beschreibt und zugleich deutet. Für diese Art Weltformel suchte er einen adäquaten künstlerischen Ausdruck, um Bildkunst und Denken zum Einklang zu bringen. So erfand er 1960/1961 das Konzept »Idee Konkrete Zeichnungen« und etablierte ein Zeichensystem aus sechs geometrischen Grundfiguren, das ihm aufgrund seiner elementaren Geltung geeignet schien, seine philosophischen Thesen zu vermitteln, die in der zentralen Aussage gipfeln: »Alle philosophischen Überlegungen beginnen bei der Materie und enden bei der Materie«.
Von diesem Paradigma der Entmaterialisierung und Objektivierung aus entwickelte er sein gesamtes künstlerisches Werk, angefangen mit den bis 1968 vollendeten großformatigen »24 Tuschzeichnungen«, welche die sechs Grundfiguren regelhaft miteinander kombinieren. Im semiotischen Verhältnis von Idee, Zeichen und Bild, aber auch hinsichtlich seiner Rezeptionsästhetik erreicht Manfred Luther mit dieser Idee eine Qualität, die ihn aus dem Rahmen der konstruktiv-konkreten Kunst heraushebt und als einen Vorläufer der etwas später vor allem in den USA entstehenden Konzeptkunst ausweist. Sein hin und wieder gegebener Hinweis, es ginge ihm in seinen Bildern »mehr um das Begreifen, weniger um das Gefallen«, lässt der Idee deutlich den Vortritt vor der Form, ein zentrales Merkmal konzeptueller Kunst.
In der nonkonformen Kunst in der DDR der 1960er und 1970er Jahre sind nur A.R. Penck und Carlfriedrich Claus ähnlich an der Präposition eines philosophischen Konzepts, an einer sich gegenseitig durchdringenden Einheit von Idee und Bild interessiert, wie Manfred Luther. A.R. Penck (1939–2017), der mit »Standart« ebenfalls ein eigenes Zeichensystem aus Piktogrammen, Symbolen und Hieroglyphen entwickelte. Carlfriedrich Claus (1930–1998), der die visuelle Poesie seiner zwischen Kalligrafie und (Seelen-)Landschaft oszillierenden »Sprachblätter« aus seiner psychologisch-sprachphilosophischen Standortbestimmung schöpfte. International war die Rückbesinnung auf das Bauhaus, auf De Stijl und die Anfänge des Konstruktivismus ab 1960 ein bestimmendes Phänomen. Sol LeWitt (1928–2007), Pionier der US-amerikanischen Strömungen Minimal Art und Conceptual Art, fertigte von 1970 bis 1985, relativ zeitgleich zu Luther mit »Combinations« und »Geometric Figures« druckgrafische Serien, die auf ähnliche Weise als Abwicklungen reduzierter Bausätze angelegt waren.
Die Ausstellung möchte Persönlichkeit und Schaffen Manfred Luthers deutlicher in den Kontext konzeptueller Kunst setzt. Viele Eigen- und Besonderheiten seiner künstlerischen Arbeit, allein schon seine augenfällige Sonderstellung innerhalb der konstruktiv-konkreten Kunst Dresdens, werden dadurch einleuchtend. Ganze Werkbestandteile wurden, unmerklich befördert durch die bislang geltende Lesart als konstruktiv-konkrete Position, an der, das sei hier konzediert, wohl auch der Künstler gehörigen Anteil hatte, regelrecht marginalisiert bzw. überhaupt nicht wahrgenommen. So wurden Werkgruppen, wie die der stilisierten Gesichter, oder die kleinformatigen »Improvisationen« entweder gar nicht publiziert oder als Frühwerk verharmlost.
Im Laufe des Lebens erlaubte sich Luther nach der Askese der »24 Tuschzeichnungen« eine zunehmende Öffnung und Weiterung. Während seine Wandlungs- und Spiellust in den »Paraphrasen« der 1970er Jahre noch den strengen Gesetzen serieller Kombinatorik folgt, steigert sie sich etwa ein Jahrzehnt später in den Spiralen der Folge »Ab ovo. Vom Uranfang an« fast in eine Umkehrung. Die in Lackfarben frei getröpfelten Spiralbilder stehen maltechnisch mit dem Chaotisch-Informellen der Drip- painting-Manier, aber auch wahrnehmungsästhetisch mit ihrem Ungefähren und Diffusen in größtem Gegensatz zur puristischen Klarheit und Reinheit, zum Konstruierten des Formenkanons, mit dem die »Idee Konkrete Zeichnungen“ ihren Anfang nahm.
Die geradezu berühmten Kreisbilder der 1980er und 1990er Jahre werden gern als später Höhepunkt des schon reifen Künstlers beschrieben. Konzeptionell behaupten diese Bilder der Folge »Cogito ergo sum« die Vollendung seines Kunstwollens, während ihre Ausstrahlung derjenigen von Ikonen gleicht. Die ikonische Wirkung entspringt einer materialästhetischen Aufwertung, die im Werk Manfred Luthers ihresgleichen sucht. Trotz des immer gleichen Zirkelschlags auf wechselnden Untergründen: in keiner anderen Werkgruppe findet sich eine noch stärkere Individualisierung, eine solche Steigerung des Schönen. Der alte Vorsatz, die äußere Form sei nachrangig und müsse Inhalt und Idee untergeordnet bleiben, wird hier in den Wind geschlagen. Transzendental schweben die Kreise in einem aufwändig gearbeiteten, oft kostbar schimmernden Bildraum.
Man kann Luthers Werke als ›Meditationen‹ im Sinne geistiger Übung lesen, im Sinne einer Praxis des Nachdenkens und Nachsinnens. Ihr Gegenstand ist geistiger Natur, ist das Denken selbst. Auch die künstlerische Arbeitsweise trägt bisweilen Züge meditativer Praktiken: Die wenig ökonomische, eher selbstkasteiende Herstellung der »24 Tuschzeichnungen« mittels immer und immer wieder reliefartig deckend übereinander gelegter Federstriche. Das Kombinieren hunderter Varianten und Ableitungen aus dem Bausatz der geometrischen Figuren. Das beständige Repetieren bestimmter Bedeutung tragender Bildgegenstände und -kompositionen. Da sind Elemente der kontemplativen Versenkung, der Gleichstimmung von Emotio und Ratio mit Händen zu greifen, hier natürlich mit dem Ziel der Reflexion, Vergeistigung und Erkenntnissteigerung.
Jedoch: ›Meditation‹ gelingt in Anwendung auf Luthers Kunst auch in der Gegenrichtung, stellt im Doppelsinn auch auf die Denkleistung der Betrachter ab. Insofern möchten wir den Titel »Konkrete Meditationen« als eine Einladung verstanden wissen, die Luthersche Kunst nicht allein in ihrer ästhetischen Gestalt wahrzunehmen, sondern auch begreifend zu ergründen.