Einführung
Andreas Wachter studierte von 1974 bis 1980 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Arno Rink und Volker Stelzmann. In seinem seit vier Jahrzehnten konsequent erarbeiteten malerischen Oeuvre verbindet sich die in Leipzig geschulte Zeichenkunst mit einem außergewöhnlichen Kolorismus eigener Prägung, offenkundig inspiriert von einer profunden kunsthistorischen Kennerschaft.
Die markante Handschrift und die intensiven Bildfindungen charakterisieren eine der persönlichsten Stimmen, die von der Leipziger Schule abstammen. Weitab vom herkömmlichen Schulbegriff und in Abgrenzung von anderen künstlerischen Positionen nimmt Wachter eine Außenseiterrolle im Kunstbetrieb ein. Nicht zuletzt deshalb, weil seiner scheinbar altmeisterlich vorgetragenen Malerei eine Aktualität ohne avantgardistische Attitüde eignet.
Wachters Malerei verführt das Auge. In lasierenden, aus der Tiefe leuchtenden Farbschichten wird ein dominierendes, gleichwohl tonig abgestimmtes Kolorit durch schärfere Töne zum Beispiel von Rot oder Grün erweitert und kontrastiert. Eine spezielle Lichtregie nach Art venezianischer Manieristen oder auch des römischen Barock erzeugt ein dramatisches Hell-Dunkel, das lichtdurchflutete Partien in direkten Kontrast zu nachtschwarzer Finsternis setzt. Dagegen sind allzu scharfe Umrisse zugunsten einer plastischen Durchformung der Bildgegenstände zurückgenommen. Oft bleiben Figuren nur skizzenhaft angedeutet, scheinen im Ungefähren auf.
Figur und Landschaft sind zentral bei Andreas Wachter. In mal beobachteten, mal erfundenen Szenarien treffen Figuren aufeinander, beleben in zurückhaltender Theatralik Interieurs, Straßenszenen oder weit gespannte Sehnsuchts-Landschaften. Sie erscheinen introvertiert, öffnen sich eher verhalten. Manchmal agieren sie im Raum wie einander fremd, gleichsam auf einen verborgenen dramaturgischen Zielpunkt ausgerichtet. Ein erzählerischer Handlungsablauf wird so nur in Ansätzen deutlich, ist eher erahn-, denn benennbar. Wie von einem metaphysischen Band durchwoben verweisen diese Szenarien etwa auf Transzendentales.
Einzelne Figuren hat der Künstler hell ins Licht gerückt, detailreich und präzise ausgearbeitet. Sie ziehen den Blick frontal auf sich. Andere entziehen sich dem Betrachter, sind abgewandt, überschnitten, untersichtig, fragmentiert oder von Dunkel verschattet. Meist ist das Figurative plastisch-körperhaft empfunden, scheinbar einer greifbaren Wirklichkeit entlehnt. Doch mischen sich gegenwärtige Typen, etwa Modelle aus dem privaten Umfeld, mit Kunstschöpfungen aus einem imaginären Fundus von Antikensammlungen und Gemäldegalerien. Der Kunstkritiker Klaus Jörg Schönmetzler sah Wachter deshalb »[...] in all diesen Stilen, diesen Zeiten selber leben. Als genügte ihm die Gegenwart nicht, um den Hallraum herzustellen, den er für seine Bilder braucht. Als würde erst durch Addition und Überlagerung der Zeiten möglich, das zu sagen, was ihm aufgegeben ist«.
Andreas Wachter malt keine Gleichnisse. Seinen Bildern teilen sich allenfalls Seelenzustände mit, die nur persönlich erfahrbar und indirekt auszudrücken sind. Behandelt wird etwas Substanzielles, nichts Konkretes, Banales oder gar Literarisches. Seine Bilder sind nicht dechiffrierbar, wollen sich nicht in Übersetzungen entleeren. Ihr Geheimnis ist vor allem eines: Diese wunderbare, sinnliche und virtuose, das Bildwissen der Jahrhunderte zelebrierende Malerei, stets die Frage nach Illusion und Wirklichkeit stellend.