Tanja Pohl - Aufbruch

Tanja Pohl – Aufbruch

Ausstellung  |  11. März – 29. April 2017

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Presse

Tomas Petzold

"Aufbruch" steht in großen Buchstaben auf dem Ausstellungsplakat, und die Abbildung scheint dem sogar in doppeldeutigem Sinn zu entsprechen. Mich erinnert die grafische Form einserseits an ein Schiff unter vollen Segeln, andererseits an tektonische Brüche. Im originalen, nahezu quadratischen Format heißt die Arbeit "Flügel". Die wollen zwar zunächst nicht tragen, aber der Besucher ist trotzdem erst einmal überwältigt von der Präsenz der Formen, der Stahlkraft der Farben, dann von der formalen wie technischen Vielschichtigkeit und Delikatesse der Arbeiten, die durchweg einladen zu längerer Betrachtung und Auseinandersetzung.

Vielleicht stellt sich irgendwann auch der Gedanke ein, dass weniger durchaus noch mehr sein könnte. Im Werdegang zumal der vielen raffinierten Mischtechniken scheint immer zugleich der künstlerische Tanja Pohls aufgehoben, ohne dass dies im einzelnen nachvollziehbar oder der eigentliche Gegenstand wäre. Vom Malzirkel bei Horst Eczko in Lengenfeld fürhte ihr Weg über das Fachabitur Gestaltung Plauen sowie Praktika bei dem Holzbildhauer Albrecht Ripp und im Malsaal des Zwickauer Theaters zielstrebig an die Dresdner Kunsthochschule (wo Elke Hopfe ihre wichtigste Lehrerin wurde), die sie erst vor vier Jahren nach einem Meisterstudium verließ. Mittlerweile ist sie regelmäßig für zeichnerische und grafische Arbeit ausgezeichnet worden, u.a. mit einem 1. Preis "100 sächsische Grafiken". Wie sie in einem rauschhaft anmutenden Prozess immer wieder auf bestimmte Ziel- oder Themenfelder gelangt, mag ihr Geheimnis bleiben. Aber anscheinend ist ja Tanja Pohl selbst auf den Gedanken gekommen, dass neben der Synthese auch die Analyse ihren Sinn hat. Mittlerweile lässt sie, wie zwei der jüngsten hier gezeigten Arbeiten zeigen, auch einmal die Hüllen fallen oder die Voraussetzungen beiseite und malt ganz einfach unspektakuläre, von der Zivilisation eher unwillkürlich überformte Landschaftsausschnitte, mit denen man sich jenseits der Sehnsucht nach vollkommener Harmonie arrangieren kann (SEMPUCO, 2015, Blick vom Stadtpark, 2016).

Zumeist regiert indes die Ambivalenz aus Faszination und Bedrohlichkeit. Die Künstlerin scheint freilich schon ebenso tief eingedrungen in die Arbeitswelt - speziell der Tagebaue under chemischen Industrie - wie in die Kunstgeschichte. Philosophische Betrachtungen und bewusste Gestaltungsansätze, zumal konstruktivistische Zitate der klassischen Moderne, durchdringen sich. Wie im "Stück für Trompete und Klavier" (2012) vor einem Jahr bereits im Kabinett zu sehen, oder auch in "Android und Gynoid". Werden hier Anmutungen technischer Formen gedeutet oder umgekehrt menschliche Wesensmerkmale auf Technik übertragen? Jedenfalls geschieht nichts nur oberflächlich, sondern stets auf der Basis eines  sehr treffsicheren zeichnerischen Zugriffs und souveräner Beherrschung grafischer Techniken, die Pohl meist in Kombination einsetzt, ehe als letzte Stufe malerische Elemente hinzutreten. Umgedreht ist die grafisch aufgefasste Linie bei Gemälden oft essenzieller Teil der Komposition, nicht nur bei den Industrie-, insbesondere Tagebaulandschaften, in denen sie sich gewissermaßen aufdrängt, sondern auch bei eher poetischen Arbeiten wie der lichten, aus tiefer Schwärze tretenden "Orientalischen Figur" (2012). Auch das ist eine der ungewöhnlichen Mischtechniken - Öl, Kreide, Schlagmetall und Bitumen treffen sich auf der Leinwand, im "Opus 1" von 2011 - Radierung auf Leinwand, mit Öl überarbeitet! - einer tatsächlich "musikalischen" Komposition, für deren vibrierenden Fluss die hier ungewöhnlich eingesetzte Kaltnadelradierung entsteht, während der auch sonst häufig dominante Schwarz-Weiß-Rot-Dreiklang durch minimalistisch eingesetzte Blau-, Gelb-, Grün- und Pinktöne erweitert wird.

Das sind alles auf den Punkt gebrachte Ansätze oder Versuche, aber das Eigentliche der Handschrift von Tanja Pohl will sich nicht recht erklären. Das liegt wohl weniger an der notwendig knappen Auswahl als vielmehr an dem Umstand, dass die ureigene zeichnerische Diktion oft von eher unpersönlicher Methodik überdeckt oder verfremdet wird. Auch das lässt sich philosophisch sehen. In dem dreiteiligen, als Hauptwerk präsentierten Gemälde "Mensch und Erde" (2012) sucht vom Bug eines Riesenaggregats ein Scheinwerfer vergeblich. Unabhängig von seinem kalten Licht liefern sich Türkis und Weinrot, spitz verkeilt, ein Scharmützel und lassen eine in tiefer Schwärze versunkene Wüstenei fremd aufleuchten. Herr K. (2016), ein gequältes, deformiertes Mischwesen aus Roboter und Mensch, zeigt seine Verletzlichkeit, die im Selbstporträt der Künstlerin von kühler Delikatesse gemildert wird. Die surreale Aura entfacht die Fantasie zur Ergänzung fehlender Details, aber das Verblassen der Züge steht wohl auch als Metapher für Vergeblichkeit, eine letzten Endes Hilflosigkeit, die sich wiederum nur im positiv Träumen überwinden lässt.

"Vielschichtig überlagerte Metaphern", Dresdner Neueste Nachrichten,
19. April 2017

Galerie Himmel

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Die Ausstellung begleitet
ein reich bebilderter Katalog 
mit Texten von Anke Fröhlich-
Schauseil, Jördis Lademann
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