Tanja Pohl - Aufbruch

Tanja Pohl – Aufbruch

Ausstellung  |  11. März – 29. April 2017

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Einführung

Lost Places, verlorene Orte, vor allem Industriebrachen in städtischen Randgebieten,
üben eine magische Anziehungskraft auf Tanja Pohl aus. Mit der Ausstellung „Aufbruch“
zeigt die GALERIE HIMMEL bereits zum zweiten Mal Malerei und unikate Druckgrafik der Absolventin der Dresdner Kunstakademie und Schülerin von Elke Hopfe, die um das Thema Mensch und Maschine kreisen. So unterschiedlich die Motive, Stilmittel, Techniken oder Ausdrucksformen von Tanja Pohl sind, mit ihren metaphorischen Bildwelten wird sie gewissermaßen zur Dokumentaristin, ohne ein dokumentarisch genaues Abbild liefern zu wollen. Pohls Werke künden von Zerfall und Umbruch einer Zeit, deren rasanter Wandel der gesellschaftlichen Strukturen eine Vielzahl solch verlorener Orte hervorgebracht hat. Diese Orte prägen heute das Bild ganzer Städte, Stadteile oder Landschaften.

Die „Ästhetik des Zerfalls“ hat eine lange Tradition. Inspiriert wurde sie von den Ruinen des antiken Rom. Seit der Renaissance ist die Ruine als Topos des locus aemonus ein Zeichen, an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnernd, ein memento mori, ein Ort melancholischer Selbstreflexion. Besonders aber ist sie Symbol einer andauernden Metamorphose der zyklischen Prozesse von Aufstieg und Fall, vom Verlassen einer alten und vom Aufbruch in eine neue Zeit.

Industriearchitektur begleitet Tanja Pohl seit Kindheitstagen. Mit schnellem, sicher gesetztem Strich entstehen an solchen Orten immer wieder Skizzen, die Räume und Strukturen in ihrem Kern erfassen. Neben Zeichnungen entstehen Arbeiten in Öl, Radierungen und plastische Objekte, stilistisch angeregt auch durch Werke der Klassischen Moderne. Ausgehend von einem konkreten Motiv entwickelt Tanja Pohl ihre zeichnerisch eingefangenen Eindrücke oft in der Radierung weiter, beginnt das Gegenständliche aufzulösen und auf geometrische Formen zu reduzieren. So entstehen
vielfach quadratmetergroße schwarzweiße Radierungen, die in aufwendigen Schritten als Unikate farbig vollendet werden.

Tanja Pohl ist eine Meisterin der Variation. Ihre druckgrafischen Blätter leben von einer Bewegung, ja Musikalität, die einem rauschhaften Arbeiten entspringt. Radierplatten werden gefräst, um 90 oder 180 Grad gedreht, Motive abgewandelt, Drucktechniken und Farben experimentell erprobt. Die Abzüge werden mit Tusche, Kohlestift, Pastell, Öl- oder Acrylfarbe überarbeitet, zu Collagen verwandelt, Papierfragmente miteinander vernäht. Mitunter bricht sie die Struktur des Büttenpapiers durch Beschaben auf. Die Variationen loten die Möglichkeiten von Bildanlage und Motiv aus. Sie bohren in die Tiefe, mitunter so weit, bis der Anfangsimpuls sich aufzulösen beginnt (Mathias Lindner). Pohls Schaffen ist ein experimenteller und radikaler Prozess, der einem Abenteuer gleicht. Mit jedem vollendeten Blatt zeigt sich ein unvorhersehbares und einzigartiges Ergebnis.

Die Industrielandschaften von Tanja Pohl sind Raum und Zeit enthoben. Einst belebte Orte sind heute „ausgeleerte Unorte“ (Gregor Kunz), deren Bedeutung verloren ist. Ihre Bilder erzählen von Verwandlung, von Kultivierung und Zerstörung der Landschaft, von Nutzung und Zerfall der Industrie. Die Industriebrache ist ihr eine passende Metapher für elementare Fragen der Existenz, nach Leben und Sterben, Wachsen und Vergehen, Aufstieg und Fall. Denn jedem Scheitern folgt ein Neuanfang: die Natur erobert verlorene Orte zurück, der rastlose Mensch baut weiter Maschinen, die Bindung, Abhängigkeit und ersehnte Sicherheit versprechen. Tanja Pohls Werke moralisieren nicht. Sie zeigen uns ein „modernes Metropolis“ (Matthias Zwarg) und lösen damit Faszination, Irritation, aber auch beklemmende Unruhe aus.

Anja Himmel

Galerie Himmel

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ein reich bebilderter Katalog 
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