Polarisation II ∙ 2005 ∙ Farbholzschnitt ∙ Unikat ∙ 46 x 90,5 cm

Zu Platon Politeia 524 G ff. II ∙ 2005 ∙ Farbholzschnitt ∙ Unikat ∙ 50 x 46 cm      

Polarisation, rot, weiß ∙ 2005 ∙ Farbholzschnitt ∙ Unikat ∙ 46 x 90,5 cm 

Zu Platon Politeia 524 G ff. I ∙ 2005 ∙ Farbholzschnitt ∙ Unikat ∙ 50 x 46 cm  

Susanne Werdin - Poesie des Konkreten  

Ausstellung | 28. März - 23. Mai 2009 

Einführung 

Nachdem die Kunsthandlung Koenitz in ihrer ersten Ausstellung 2009 mit der expressiven Wucht und dem kämpferischen Furor der Grafiken von Hubertus Giebe gestartet ist, wendet sie sich nun einer anderen Strömung modernen bildkünstlerischen Schaffens zu: der Konkreten Kunst. Die Konkrete Kunst hat seit der Zeit des Bauhaus, in der avantgardistische Sammler wie Ida Bienert sich von Werken der Konstruktivisten begeistern ließen und diese um sich scharten, eine gute und ungebrochene Tradition in Dresden. Aus der Stadt heraus prägten so bedeutende Künstlerpersönlichkeiten wie Hermann Glöckner oder sein Schüler Wilhelm Müller wichtige und unverzichtbare Einzelpositionen der Konkreten Kunst. Und  auch ein Mann wie Karl-Heinz Adler, der Schöpfer des Brunnens auf dem Neustädter Markt, darf bei einer solchen Aufzählung nicht unerwähnt bleiben.

Mit der aktuellen Werkschau zu Susanne Werdin möchte die Kunsthandlung Koenitz an diese lebendige Traditionslinie anknüpfen und sie durch eine neue schöpferische Position bereichern. Sie zeigt unikate Farbholzschnitte und farbige Objekte der Künstlerin, die in den letzten acht Jahren entstanden sind.

Die 1964 in Guben geborene Künstlerin studierte zwischen 1982 und 1985 Kirchenmusik in Greifswald und arbeitete danach 5 Jahre als pflegerische Hilfskraft und Krankenschwester in Berlin. Erst 1991 begann sie mit dem Kunststudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, das sie 1997 mit dem Diplom als Malerin und Grafikerin bei Prof. Rolf Kuhrt abschloss. Später absolvierte sie ebenfalls an der Leipziger HGB noch ein Meisterstudium bei Prof. Volker Pfüller. Seit 2001 ist sie freischaffend in Leipzig tätig. Man findet sie seither neben zahlreichen Ausstellungen auf wichtigen Symposien zur originalen Druckgrafik vertreten, von denen hier nur das Sächsische Druckgrafik Symposium in Hohenossig 2001, das Lithografie-Symposion im stein_werk in Leipzig 2007 und das Grafiksymposium Zebra IV in Zwickau 2008 genannt sein sollen.

Von ihren Einzelausstellungen seien hier ebenfalls nur wenige hervorgehoben: aus dem Jahr 2002 die Ausstellung „Hommage à Georg Friedrich Händel" in der Händel-Halle in Halle, 2004 die Ausstellung „Korrelationen" in der Projektgalerie VORORTOST des Bundes Bildender Künstler in Leipzig, 2005 zusammen mit Hael Yxxs die Ausstellung „Equinox" in der renommierten Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz, schließlich 2008 die Ausstellung „Schwarzgelbweiß" in der Stamm. Galerie in Schloss Kaufungen.

Das zu Beginn genannte Ausstellungsprojekt „Hommage à Georg Friedrich Händel" der Händel-Halle in Halle im Jahre 2002 könnte als eine Art Markstein im künstlerischen Werdegang von Susanne Werdin beschrieben werden. Bei der Arbeit an diesem Projekt stieß sie im Jahr 2001 auf die elementare Kraft, welche die einfache geometrische Form im Verbund mit der Farbe in sich birgt. Während sie im Medium des Farbholzschnitts einen adäquaten bildnerischen Ausdruck für die Musik Georg Friedrich Händels suchte, schob sie nach und nach halb spielerisch halb zwangsläufig alles unwesentlich Scheinende beiseite.
In schrittförmiger Reduktion ihres bisherigen Formenkanons schälte sie so etwas wie den Kern des Bildes heraus, der von nun an ihre weitere künstlerische Arbeit und Ausdrucksweise bestimmen sollte. Susanne Werdin vollzog damit eine Metamorphose nach, wie sie die Moderne Kunst schon einmal als Ganzes auf eine vergleichbare Anregung hin absolviert hatte. Denn es war die Musik unter deren Beistand Künstler wie Wassily Kandinsky und Theo van Doesburg das Absolute in der Bildkunst finden wollten. Die Geburt der Konkreten Kunst wurde ganz maßgeblich von den Versuchen begleitet, Musik, musikalische Komposition und Hörerfahrung in Bildern umzusetzen und wiederzugeben. Das für die gesamte Moderne wegweisende Buch „Über das Geistige in der Kunst" von Kandinsky aus dem Jahre 1910 ist voll von Analogien zwischen Musik und Malerei. Der lateinischen Formel „Ut pictura musica" - soviel bedeutend wie „Ein Bild ist wie eine Musik" - entspricht der Grundsatz aller synästhetischen Wahrnehmung, dass die vielfältigen Sinneseindrücke verschiedener Medien und Künste grundsätzlich miteinander vergleichbar und aufeinander zu beziehen sind.

An genau diesem Punkt setzten die musikalisch inspirierten Farbholzschnitte der Susanne Werdin an. Gleichzeitig begabt mit einer hohen Musikalität und einer außerordentlichen grafischen Kompetenz stellt sie Bezüge zwischen Musik und Bild her. Ihre bildlichen Formulierungen spüren musikalischen Strukturen nach, suchen eine der musikalischen Tonempfindung analoge Farbwahrnehmung wiederzugeben. Scheinbar halten sich dabei analytische und emotionale Arbeitsweise in etwa die Waage. Wer möchte, darf aus der Anordnung der Linien zueinander auf Rhythmen und Klangräume zurückschließen, findet in der Farbenpalette dieser grafischen Blätter Tonart und Tonreichtum einer musikalischen Komposition wieder. Und jedes dieser Blätter ist - eine seltene zu findende Besonderheit der Künstlergrafik - Unikat, denn Susanne Werdin druckt jeden Holzschnitt nur ein einziges Mal und belässt ihn als formal-farbliche Variation eines Grundthemas in seiner Einmaligkeit.

Weniger programmatisch erscheinen zunächst die Blätter aus der Serie der „Polarisation" - schlanke Kompositionen mit quer über die Fläche laufenden Streifen, zu denen geometrische Grundkörper wie das auf die Spitze gestellte labile Quadrat und der in sich ruhende Kreis geordnet sind. In Abfolge und Anordnung wechselnd, in den Farben jeweils variierend ergibt sich in der wechselseitigen Durchdringung von Form und Farbe, befördert durch die dynamische Ausdehnung der Streifenlagen, eine friesartige Wirkung. Dies lässt das jeweilige Blatt nach links und rechts hinaus bis ins Unendliche fortdenken, darin vergleichbar der „Unendlichen Säule" des rumänischen Künstlers Constantin Brancusi, die trotz ihrer materiell-stofflichen Endlichkeit weiter und weiter in den Himmel hinein wächst. „Polarisation" meint Gegensätzliches, meint schwer miteinander in Einklang zu bringendes - ganz so wie Quadrat und Kreis einander entgegenstehen. Dieses mathematisch definierte Spannungsfeld lässt sich wiederum auf philosophische oder psychologische Bedeutungsebenen beziehen, in denen Immaterielles mit Materiellem, Weibliches Prinzip mit Männlichem Prinzip widerstreiten. Ob ihrer grafischen Prägnanz und bisweilen erreichten Farbschönheit zählt die Folge der „Polarisation" zu den besonders eindrucksvollen Werken der Künstlerin.

In den farblich deutlich reduzierten Objekten gewinnen die geometrischen Kompositionen der Susanne Werdin eine plastische, regelrecht körperliche Dimension, die das Bild in den Raum hineingreifen und ihn stärker strukturieren lässt. Durch die zumeist mehrteiligen Wandtafeln legt sie regelmäßige Schnitte, ganz so, als müsse sie tiefer in die Struktur der sich gegenseitig überlagernden und einander durchdringenden Formen einschneiden und sie einem wissenschaftlich-neugierigen Blick offen legen. Die Seitenkanten dieser Schnitte weisen folgerichtig eine Abwicklung der oberseitig angrenzenden Strukturen auf und verstärken damit die Vorstellung, ein direkter Zugriff sei möglich, verstärken den Wunsch, in diese Kompositionen hineinsehen, sie für ein tieferes Verständnis des Werkprozesses aufblättern und zurückverfolgen zu können: Eine raffinierte Täuschung, der die Enttäuschung natürlich auf dem Fuße folgt. Doch in den besten Momenten tun sich zwischen den ineinander greifenden Körpern, Formen und Farbtonabstufungen plötzlich neue Räume transzendentalen Charakters auf, die uns in Etwas mitnehmen, das sich der Beschreibbarkeit entzieht.

Ein profunder Ausweis von Qualität und Bekanntheitsgrad eines Künstlers sind neben den ihn vertretenden Galeristen, seinen Publikationen, seinen Ausstellungsbeteiligungen und Messeauftritten auch und vor allem die Namen der Museen und öffentlichen Galerien, welche Arbeiten erwerben und dauerhaft in ihre Sammlungen integrieren. Und es zeugt von der immensen Qualität und Überzeugungskraft ihrer Arbeit, wenn Werke Susanne Werdins in weniger als einem Jahrzehnt schon Einzug in so bedeutende Sammlungen gehalten haben wie die Deutsche Bücherei in Leipzig und Frankfurt am Main, das Klingspor-Museum in Offenbach, die Kunsthalle der Sparkasse Leipzig, die Neue Sächsische Galerie in Chemnitz und nicht zuletzt die Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden.

Die Konkrete Kunst ist keine Kunst für die Massen. Sie erfordert intuitive Einlassung, einen weiten intellektuellen Horizont und feinen individuellen Geschmack - alles keine Eigenschaften für den kleinsten gemeinsamem Nenner. Folglich finden sämtliche dieser Kunstrichtung gewidmete Feiern und Zusammenkünfte fernab von Mainstream und Mode statt. Sich in dieser überschaubaren, um nicht zu sagen elitären Gemeinschaft von Künstlern und Publikum zu etablieren dürfte nicht einfach gewesen sein und viel von dem tiefen Ernst und dem stoischen Fleiß gekostet haben, den die Künstlerin auf ihrem bisherigen Weg gezeigt hat. Auch aus diesem Grund wird Susanne Werdin wohl auch in Zukunft zu denen gehören, deren Namen im Zusammenhang mit der aktuellen Konkreten Kunst in Deutschland genannt und geschätzt werden.

Michael Böhlitz  
(Auszug aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung am 27. März 2009)

 

Bertram Kober - Carrara und Sacri Monti | Ausstellung | Galerie Himmel

Aktuelle Ausstellung

Bertram Kober - Carrara & Sacri Monti. Fotografie
7. Oktober - 18. November 2017

Vernissage

Freitag, 6. Oktober 2017, 19 Uhr
Einführung: T.O. Immisch, Kustos Sammlung Fotografie, Kunst-museum Moritzburg, Halle/Saale

Kunstgespräch
Freitag, 27. Oktober 2017, 19 Uhr
Bertram Kober & Anja Himmel
Rundgang durch die Ausstellung

Einladungen  

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Polarisation, violett ∙ 2005 ∙ Farbholzschnitt ∙ Unikat ∙ 46 x 90,5 cm

7 Vierecke, quer ∙ 2008 ∙ Farbholzschnitt ∙ Unikat ∙ 57 x 70 cm  

Zu Platon Politeia 524 G ff. III ∙ 2005 ∙ Farbholzschnitt ∙ Unikat ∙ 50 x 46 cm