Strawalde und sein Kreis

Ausstellung  |  24. Juli – 25. September 2021

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Einführung

Jürgen Böttcher (*1931 Frankenberg/Sachsen), der sich als Maler nach Strahwalde, dem Ort seiner Kindheit und Jugend in der Oberlausitz, nennt, galt in der DDR als ebenso streitbarer wie bedeutender Maler und Filmregisseur. Anlässlich seines 90. Geburtstages zeigen wir ihn im Kreis befreundeter Künstler, deren Werk seit den inzwischen fast legendären Volkshochschulkursen, die Strawalde bis 1955 in Dresden leitete, in besonderer Wechselbeziehung steht.

Strawalde hat berückend-sinnliche Frauenbildnisse sowie kühne zeichenhafte Abstraktionen geschaffen. Als Pionier des DDR-Dokumentarfilms drehte er über fünfzig Filme. Inhaltlich wie formal sind seine Filme wegweisend. Im ganz Alltäglichen sucht Jürgen Böttcher nach Lebenssinn und Schönheit. In seinem DEFA-Dokumentarfilm „Drei von vielen“ (1961) nähert er sich jungen Arbeitern, die sich der Kunst und einer alternativen Lebensweise verschrieben haben. Der Film, seinen Dresdner Malerfreunden Peter Graf, Peter Herrmann und Peter Makolies gewidmet, wurde in der DDR sofort verboten.

Gezeichnet hat Strawalde neben seinem Schaffen als Regisseur immer, gemalt seit Anfang der 1990er Jahre wieder verstärkt. Eigenständigkeit und Freiheit kennzeichnen sein Werk bis heute. In seinen Gemälden, Zeichnungen, Collagen und Assemblagen steht Figuratives neben Assoziativem. Auffällig ist ein spielerisches Moment, verbunden mit der Begeisterung für Material wie kostbare Papiere, Tapeterien, Stoffe, Kalligrafien, Bleche und Porzellan. In kraftvoll-poetischer Bildsprache collagiert, ja baut Strawalde nahezu wie in Filmszenen.

Agathe Böttcher (*1929 Bautzen/Sachsen) kommt 1947 in das zerstörte Dresden, um an der Hochschule für Werkkunst bei Barbara Schu Applikation, Stickerei und Zeichnen zu studieren. 1951 lernt sie Jürgen Böttcher kennen, den sie wenig später heiratet. Strawalde eröffnet ihr den Zugang zu einem Kreis von Künstlern. Hier findet Agathe Böttcher Gleichgesinnte, mit denen sie in den 1950er und 1960er Jahren einen intensiven schöpferischen Austausch pflegt.

Es gibt neben Agathe Böttcher kaum eine andere Künstlerin bzw. einen anderen Künstler, in deren und dessen Oeuvre Gemälde, Zeichnung, Druckgrafik, Collage und Textilcollage derart gleichberechtigt und folgerichtig nebeneinander stehen. Und in allen diesen Techniken offenbart sie sich als wahrhaftige Malerin. Sie ist, wie sie es selbst einmal formulierte, eine „Malerin in Materialien“.

Erika Dobslaff (*1940 Arcichow/Polen) trifft Strawalde Ende der 1950er Jahre. Die junge Schaupielstudentin wirkt in dem Dokumentarfilm „Drei von vielen“ mit. Die Begegnung mit Strawalde und seinen Künstlerfreunden eröffnet Erika Dobslaff eine neue Welt. Seit den frühen 1960er Jahren malt sie magische, traumversunkene Landschaften. Bizarre Pflanzen, sonderbare Figuren und eigenartiges Getier bevölkern Leinwände und Papiere. Ihre phantastischen Bildwelten eröffnen einen regelrechten Kosmos. Es sind dicht gemalte Erinnerungsstücke, Träume und Poesien, die farblich zwischen Blau, Grau und Olive sowie Rot, Gelb und Orange changieren und eine große Intensität entfalten.

Peter Graf (*1937 Crimmitschau/Sachsen) lernt Strawalde 1953 kennen. Das 1956 begonnene Studium der Malerei in Berlin-Weißensee endet für Peter Graf abrupt wegen systemkritischer Äußerungen. Zurück in Dresden 1957 wird der Freundeskreis um Agathe und Jürgen Böttcher, Winfried Dierske, Peter Herrmann, Peter Makolies und Ralf Winkler (A.R. Penck) zum Refugium des Künstlers. Bei regelmäßigen Treffen diskutiert man über Musik, Film, Literatur und Kunst.

Seine besondere Lebenssituation unterscheidet ihn von den meisten seiner Künstlerfreunde. Fast drei Jahrzehnte arbeitet er körperlich hart in verschiedenen Berufen, fährt Traktoren, Gabelstapler, Last- und Tankwagen, ist Transport- und Lagerarbeiter. In dieser Zeit malt er nach Feierabend.Erst 1985 wagt Graf den Schritt in die freischaffende Künstlertätigkeit. Die poetischen Werke von Peter Graf leben von ihrer traumhaften surrealen Atmosphäre, von ihrer Verfremdung und ihrem augenzwinkernden Hintersinn, aber auch von ihrer Sehnsucht und ihrer Melancholie.

Peter Herrmann (*1937 Großschönau bei Zittau/Sachsen) lernt Strawalde 1953 als Lehrer der Volkshochschule Dresden kennen. Seine Mitschüler und Freunde sind Winfried Dierske, Peter Graf, Peter Makolies und Ralf Winkler (A.R. Penck). In Dresden arbeitet er bis 1970 unter anderem als Chemigraf, ab 1971 ist er als freischaffender Maler tätig. Er gehört zum Arbeitskreis Leonhardi-Museum, der unkonventionelle Ausstellungen initiiert. Zusammen mit Eberhard Göschel, A.R. Penck u.a. gründet er 1978 am Obergraben 9 in Dresden-Neustadt die Obergrabenpresse, die sich als Verlag, Galerie und Künstlervereinigung versteht. Er verlässt 1984 die DDR, zieht nach Hamburg und lebt seit 1986 in Berlin. Seine Bilder, zumeist in kräftigen Farben, kreisen um Erinnerungen und Alltagsthemen, gern mit einem ironischen Augenzwinkern.

Markenzeichen des Steinbildhauers Peter Makolies (*1936 Königsberg/Preußen), seit 1955 mit Strawalde befreundet, sind archaisch anmutende Köpfe und Schädel aus Feldsteinen, die weitgehend naturbelassen nur bis zum Nötigsten bearbeitet und poliert werden. Formen und Physiognomien spüren der jedem Stein innewohnenden naturgegebenen Struktur nach. Nicht selten scheinen seine Skulpturen einer entlegenen Kultur anzugehören, in Gestalt und Antlitz jeder Anspielung auf Persönliches entsagend und sich so einer Art Idealbild nähernd.

 

Galerie Himmel

Aktuelle Ausstellung

Strawalde und sein Kreis
Agathe Böttcher. Erika Dobslaff. Peter Graf. Peter Herrmann.
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24. Juli - 25. September 2021

Die Ausstellung wird am
24. Juli 2021, 10 Uhr, eröffnet.
Eine feierliche Eröffnung findet nicht statt. Die Ausstellung kann ohne Einschränkungen besucht werden.