Werner Stötzer | Strawalde – Bildhauer und Maler

Ausstellung  |  4. Mai – 23. Juni 2018

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Presse

Tomas Petzold

Nein, es ist nicht die allerglücklichste Konstellation, wenn sich zwei Altersgenossen, die sich seit jungen Jahren gut kennen, zu einer gemeinsamen Ausstellung treffen und einer an der Eröffnung nicht mehr teilnehmen kann. Der Bildhauer Werner Stötzer starb bereits 2010. Wie Jürgen Böttcher, der sich als Maler Strawalde nennt, war er 1931 geboren - einem Jahrgang zugehörig, dem Naziherrschaft und Krieg eine unbeschwerte Kindheit und Jugend verwehrten und statt dessen unauslöschlich grausige Bilder einbrannten. Der danach lernen musste, unter den materiell wie politisch schwierigen Bedingungen des Wiederaufbaus eigene Wege zu finden. Was wohl allgemein als viel zu selbstverständlich erschien und tatsächlich auch war, um es besonders herauszustreichen. Dass beide gerade mal 18-jährig die künstlerische Ausbildung an einer Kunsthochschule antraten, erscheint auch im Hinblick auf heutige Biografien schlicht erstaunlich. Es war aber im Gründungsjahr der DDR, die beide bis zum Schluss mit aufrechtem Gang aushielten und auf diesem Weg auch noch hoch geehrt wurden, mit einer Regelmäßigkeit, die sogar das kleine Land überdauerte. Allerdings betraf das bei Böttcher die Dokumentarfilmarbeit, der er sich Mitte der 50er Jahre zugewandt hatte, ohne jedoch das Zeichnen bzw. die Malerei aufzugeben.

Bei Werner Stötzer muss nun wohl oder übel zum Alterswerk gerechnet werden, was Anja Himmel und Michael Böhlitz jetzt am Obergraben präsentieren, beginnend mit zwei Fassungen des "Zigeuners von Marzahn" (Bronze, 1981/88), schließend mit der wunderbaren Odaliske von 2008, diesem so zart verführerischen Gebilde aus einem fragilen, kristalline Reflexe sprühenden Marmor, gegenüber dem der Künstler beinahe zurücktritt. Der Weg von einem an Eugen Hofmann und Gustav Seitz geschulten sinnlichen Realismus über das Expressive zum immer mehr Imperfekten, Torsohaften, Fragmentarischen, zum Abstrahierten in einem überhaupt nicht kühl berechneten Sinn lässt sich hier im letzten Abschnitt verfolgen, in dem das Menschenbild auch in einem allgemeineren Sinn eins wird mit dem der Natur (Flussstein, 2002). Dabei besaß Stötzer eine besondere Sensibilität für das Stoffliche, für das Material, das bei ihm nicht unbedingt kostbar sein musste. Auch Gusstein und Gips hebt er aus dem Profanen ins Noble, nicht zuletzt durch die sparsamen farbigen Fassungen, die ja im eigentlichen Sinn meist keine sind, keine abschließende Haut bilden, sondern die Textur des Materials herausstreichen, das "Bild" malerisch steigern wie Patina die einer Bronze.

Dieses Malerische steht nun im Kontext zu einer ganz verwandt "gefassten" skulpturellen Komposition von Strawalde, dem fast munomental großen "Sur" (2005/10), wo anscheinend zwei Frauen wie Statuen erstarrt so in ein Gespräch vertieft sind, dass die eine ihrem Kind die Hand beschwichtigend auf den Kopf legen muss, während das Auge des Betrachters magisch von kleinen obskuren Objekten angezogen wird, Fundstücken (hier wohl Ausrisse aus eigenen Arbeiten, oft auch Trödel), wie sie Strawalde immer wieder gern auch auf seine Leinwände appliziert.

Im Unterschied zu diesem eigentlich nur assoziativ interpretierbaren Bild sehen die langhaarigen, kühl sinnlichen Frauen, die auch hier eine kleine eigenständige Gruppe bilden, skeptisch am Betrachter vorbei oder durch ihn hindurch, mandeläugig über Büsten wie Marmor. Unter anderem das macht es schier unmöglich, hier von Alter zu sprechen. Strawalde ist einer, der dem Alter trotzt. Seit 50 Jahren, seit er die wenig jüngeren Penck, Makolies, Graf, Herrmann auf den Weg brachte, ist er Legende, ein wenig im Schatten der Zöglinge, woran kürzlich sogar die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden erinnerten, aber so oder so, trotz des steten Engagements kleiner Galerie in und um Dresden bleibt der Maler mit seinem so vielfältigen, immer noch frischen und diesseitigen Schaffen ein weitgehend Unbekannter. Vielleicht auch, weil er so beweglich, insgesamt schwer einzuordnen ist. Auch die seit 2013 nicht enden wollenden Kyoto-Protokolle, pardon Collagen, zeigen das, die mit ihren kalligraphischen Zeichen für unsereinen vollkommen rätselhaft bleiben. Vollkommene Inszenierungen, vollkommen auch in ihrer Unergründlichkeit.

Ein solches, in gewisser Weise auch eklektizistisches Arbeiten war Stötzer offenbar fremd. Was aber beide eint, ist dieses sichere Gefühl der Materialität und Form. Wo freilich Stötzer (der hier als Zeichner nicht in Erscheinung tritt) die Dinge einfach in den Raum stellt, mit dem teilweise Polieren einer Bronze eine unvergleichliche Aura schafft oder mit dem offensichtlichen Widerspruch zwischen spröder, wie unfertiger, leidender Form fasziniert, muss und kann Strawalde inszenieren, damit seine Bilder den Sprung von der Leinwand zum Zuschauer schaffen, überraschende Zusammenhänge konstruieren, er darf seine Spielfiguren sich tummeln lassen und kann dann auch einmal mit einem schlichten "Hm" (2003) sein Befinden danach ausdrücken, was natürlich alles und nichts bedeutet. Das Fragment spielt bei ihm eine andere, weit mehr zufällige Rolle als bei Stötzer, der damit eher Demut gegenüber dem Vorgefundenen ausdrückt, dem Sehen und der Deutung Raum gibt, während der doppelt Begabte Böttcher wohl eher Eingebungen des Augenblicks folgt, Momentaufnahmen herstellt, die zur kleinen Ewigkeit gerinnen. Freilich irgendwie eingegangen darin sind sie beide, jeder auf seine Weise, und hier auf glückliche Weise in einer Galerie vereint, nomen est omen.

"Kleine Ewigkeiten", Dresdner Neueste Nachrichten, 18. Juni 2018

Galerie Himmel

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22. Mai - 18. Juli 2020

Die Ausstellung begleitet
ein reich bebilderter Katalog 
mit Texten von Anke Fröhlich-
Schauseil, Jördis Lademann
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