Max Schwimmer - Liebling der Musen

Max Schwimmer – Liebling der Musen

Ausstellung  |  14. Januar – 4. März 2017

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Laudatio

Es ist ohne Zweifel ein Höhepunkt unserer Galeriearbeit, wenn wir das Ausstellungsjahr 2017 mit dem Leipziger Maler und Grafiker Max Schwimmer einläuten können. Wir sind froh, diesen bedeutenden sächsischen Künstler von europäischem Rang nach langer Zeit wieder einmal öffentlich präsentieren zu können. Und es macht uns ein wenig stolz, dass es gelungen ist, eine Vielzahl an Werken dieser Qualität hier zu versammeln. – Dank einer glücklichen Fügung können wir dem mit Johannes Heisig einen zeitgenössischen Maler ebenfalls europäischen Ranges an die Seite stellen, den man in gewisser Weise als einen Enkel Max Schwimmers ansehen kann. Unter dem Titel „… parallel zur Natur“ begleitet er Schwimmer im Kabinett mit einer Serie von Ölgemälden und Aquarellen, die im vergangenen Sommer in der Provence entstanden.

Die Frage, ob eine Schwimmer-Ausstellung nach Dresden gehöre, wäre rein rhetorischer Natur. Aber ja doch! Max Schwimmer muss nicht erst nach Dresden geholt werden, Max Schwimmer war immer in Dresden. Seit seiner Zeit als Hilfslehrer im Erzgebirge fuhr er immer wieder hierher, um Museen und Galerien zu besuchen. Im April 1916 sah er die Ägypten-Serie von Max Slevogt in der Gemäldegalerie und notierte dazu: „Es waren Stunden seliger Freude.“ – Der Heimatstadt Leipzig, die seiner künstlerischen Entfaltung wenig förderlich war, begegnete Schwimmer mit einer Art Hassliebe. 30 Jahre lang versuchte er vergeblich, ihr Richtung Berlin oder Dresden zu entkommen. Nachdem ihn 1951 die Berufung an die Dresdner Akademie aus den lästigen Leipziger Querelen des Formalismusstreits gerettet hatte, rief er befreit und nicht ohne Schadenfreude:

„Im August erfolgte meine Berufung an die Dresdner Akademie unter herzlichsten Bedingungen und [ich] zeigte dem Leipziger "Kulturleben" den Hintern. (…) Von Dienstag bis Donnerstag unterrichte ich in Dresden, kampiere in meinem Atelier auf der Brühlschen Terrasse und habe hier eine Anzahl wirklicher Künstler als Kollegen und Freunde. Ich rechne mich zu den Dresdner Künstlern und natürlich haben und bekommen die Leipziger für mich keinen Ersatz.“

Dresden war seine letzte Wirkungsstätte und krönte seine Karriere mit der Professur einer Akademie, deren fast zweihundertjährige Geschichte ihm einen Platz in der Weltkunst zu sichern versprach. Die erste Station seiner Entwicklung war indes der Leipziger Spätexpressionismus. Ursprünglich stark vom narrativen Realismus Adolph von Menzels und vom Impressionismus Max Slevogts geprägt, fand er 1918/19 über Johannes R. Becher, Oskar Kokoschka, George Grosz und vor allem Ludwig Meidner Kontakt zur expressionistischen Szene. Aus einfachen Verhältnissen stammend entzündete er sich am politischen Kampf der Zeit von Novemberrevolution und Kapp-Putsch. Er sympathisierte mit der KPD und forcierte als notwendigen Ausdruck dessen die Radikalisierung der Form.

Die Musik- und Buchstadt Leipzig war zu jener Zeit durchaus kein Hort der bildenden Kunst. Leipzig stand zu lange im Bann des Kunstheroen Max Klinger, fand keinen Anschluss an die Moderne und hatte zum Expressionismus nur Nachzügler beizutragen. Dies war neben Oskar Behringer und Rüdiger Berlit eben Max Schwimmer. Er pflegte einen uneigentlichen Expressionismus, von feingliedrig-zarter Form und fast lyrischen Klängen, in den Farben reich, sprühend und ausgewogen komponiert.

War seine Zeichnung unmittelbar nach der expressionistischen Episode starken Wandlungen ausgesetzt, blieb Schwimmer seinem sensitiven Kolorismus treu. Er hatte früh ein ganz eigenes Kolorit entwickelt, bestimmt durch lockere Duftigkeit, Eleganz und gleichzeitig lebendigste Leuchtkraft. Immer wieder haben Schwimmers Kritiker diese Qualität seiner Malerei besonders hervorzuheben gewusst. Wolfgang Balzer, später Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, sah den Künstler schon 1922 wie in einem heiteren Spiel mit Farben begriffen, mit entzückender Leichtigkeit Farbtupfen abtönend und verteilend, gleichsam in einem „Musizieren mit Farben“. Der Kunstpublizist Karl Scheffler bestärkte Schwimmer 1944:

„Immer mehr entwickeln Sie sich dem rein Koloristischen zu, mit einer instinktiven Sicherheit, die Ihr eigenes Ressort ist. Darin gehen Sie weit über Slevogt hinaus.“

In den 1920er Jahren reifte Schwimmers Kunst zur Meisterschaft. Die Abwendung vom expressiven Pathos erbrachte allgemein eine Formberuhigung, konkret eine Lockerung des Lineaments, eine Weitung des Raumes, eine Klärung der Flächenordnung im Bild, zudem eine großzügigere Linie. Deutlich schwang das Pendel zum Impressionismus hinüber.

Den Sommer 1924 verbrachte er bei Hans Purrmann auf Ischia im Golf von Neapel. Bei Purrmann absolvierte Schwimmer, der nie eine Kunstakademie, auch keine private Malschule besucht hatte, so etwas wie sein Meisterstudium. Er machte kein Hehl daraus, die Anleitung durch den Matisse-Schüler als Beglückung empfunden zu haben. Durch Purrmann vermittelte sich ihm frisch die Schule des französischen Impressionismus. Durch ihn wurde er zum europäischen Maler. Zwei Frankreichreisen, die Schwimmer 1926 und 1929 jeweils für mehrere Wochen nach Paris und dann ins Midi führten, vertieften diese Entwicklung. Unter dem Eindruck der Begegnung mit Pierre Bonnard und dem Erlebnis des mediterranen Lichts erfuhr seine Farbpalette eine letzte deutliche Aufhellung. Magdalena George, Autorin der ersten großen Werkmonografie zu Max Schwimmer, zieht das Resümee:

„Der räumliche Zusammenhang ist sicher gefasst. Farbdifferenzierungen zwischen Vorder- und Hintergrund erschließen den Tiefenraum, und die duftigen hellen Grün-, Blau- und Ockertöne geben der südfranzösischen Landschaft eine heitere Lebensfülle.“

An dieser Stelle kommen die provenzalischen Landschaften von Johannes Heisig ins Spiel. - Schwimmer fuhr also im Sommer 1926 von Paris über Avignon und Arles nach Aix-en-Provence. Unter dem Eindruck seiner Pariser Begegnungen wollte er gezielt ins Midi, um sich mit südfranzösischer Landschaft auseinanderzusetzen und um mit der Heimat von Paul Cezanne eine Geburtsstätte der modernen Malerei zu inspizieren. Exakt 90 Jahre später, nämlich im Sommer 2016, fährt Johannes Heisig nach Puyloubier, nur wenige Kilometer von Aix-en-Provence entfernt. Seine Motive dürften denen des älteren Kollegen nicht unähnlich sein. Wir sehen also zwei Sachsen in Südfrankreich. Was suchen, was finden die beiden gebürtigen Leipziger dort? Ich möchte Sie ermuntern, die jeweiligen Ergebnisse einmal miteinander zu vergleichen. Nehmen Sie zum Beispiel das Ölbild Pinien in Puyloubier von Heisig und setzen es mit Schwimmers Aquarell von der Côte d’Azur ins Verhältnis. Sie werden überraschende Analogien bemerken, die viel mit dem außergewöhnlichen Lichterlebnis und mindestens ebenso viel mit dem offenbar verbindlichen Referenzrahmen der französischen Landschaftsmalerei zu tun haben. Magdalena Georges Resümee der Errungenschaften der ersten Frankreichreise Schwimmers ließe sich fast auf Johannes Heisig übertragen.

Dieser gibt uns mit seinem Titel „… parallel zur Natur“ noch einen Hinweis. Paul Cezanne, der Malerpatriarch der Provence, sagt in den Gesprächen mit Gasquet: „Die Kunst ist eine Harmonie parallel zur Natur“. Neben dem autonomen Wirklichkeitsanspruch der Bildkunst meint Cezanne damit vor allem den künstlerischen Akt, in dem gesehene Natur und empfundene Natur einander durchdringen. Diesen Fingerzeig Heisigs ernstnehmend dürfen wir seine Malerei als seine auf die göttliche Schöpfung antwortende individuelle Weltschöpfung betrachten, welche die Welt der menschlichen Natur gemäß interpretiert.

Doch zurück zu Max Schwimmer. Auf dem einstweiligen Höhepunkt seines künstlerischen Vermögens ereilte ihn 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten schweres Unheil. Die Leipziger Volkszeitung, für die er schrieb und illustrierte, wurde verboten, sein Lehramt an der Kunstgewerbeschule entzogen. Es folgten depressive Jahre tonlos stummen Wirkens ohne Echo. Er sah sich auf die grafische Kunst beschränkt und so wurde die Buchillustration zunächst Ausweg aus der inneren Emigration, nach 1945 Grundstein seines internationalen Ruhmes. Max Schwimmer hat die deutsche Buchillustration des 20. Jahrhunderts mit seiner souveränen Noblesse, seinen heiteren Klangfarben, ganz allgemein mit einer neuen Sinnlichkeit bereichert. Lothar Lang, einer der besten Kenner der Buchillustration, fasste dies so zusammen:

„Schwimmers Illustrationen bestechen durch die Leichtigkeit des Strichs, durch das elegante Spiel der Linien, das bald zärtlich und schmeichelnd, bald kräftig erstarkend, bald gemessen schreitend, bald sprudelnd launisch die Fläche belebt. Die Illustrationen erwecken das Gefühl leichtester Improvisation, geben den Eindruck traumhaften Schwebens.“

Die Jahre nach dem Kriegsende werden für Schwimmer in mehrfacher Hinsicht eine neuerliche und letzte Zäsur. Auf die endgültige Befreiung von den Leipziger Verhältnissen folgte 1952 die Aufnahme in die Deutsche Akademie der Künste in Berlin, in der er einige Jahre die Sektion Bildende Kunst leitete. Wichtiger als die neuen kulturpolitischen Wirkungsmöglichkeiten aber wurde die Weiterentwicklung seiner künstlerischen Sprachmittel.

1946 bis 1951 entstand eine in sich geschlossene Werkgruppe von Gouachen. Nach der Leichtigkeit und Duftigkeit der Aquarelle suchte Max Schwimmer in der Deckfarbenmalerei zu größerer Festigkeit zu gelangen. Er arbeitete in einem betont größeren Format. Alles in ihm strebte nach großer Form, nach Verdichtung. Als künstlerisches Ideal schien mehr und mehr der große Namensvetter Max Beckmann durch. Das Grobe und zugleich Sinnliche, das Modellieren von Fläche und Volumen rein aus Farbe zogen ihn dauerhaft in den Bann. Mindestens viermal nacheinander ging er 1951 in die Retrospektive "Max Beckmann zum Gedächtnis" im Schloss Charlottenburg in Berlin. Der Eindruck verstärkte sich von Mal zu Mal. Dieses bemerkenswerte Seherlebnis bestätigte ihn auf seinem Weg zu Vereinfachung und Verdichtung, der ihn in seinen letzten Jahren fast aus dem Schoß des Impressionismus riss.

Zeitgleich experimentierte Schwimmer mit neuen Formen der Buchillustration, beginnend 1950 mit dem Band "Arthur Rimbaud: Dichtungen". Er suchte abseits des literarisch-erzählerischen Charakters seines inzwischen populär gewordenen Illustrationsstils einen formelhaften Ausdruck mit einer verstärkt lyrischen Komponente. Mit dieser letztmaligen Steigerung seiner Mittel ins Metaphorische führte er die figurative Zeichnung zu einem lyrischen Abstraktionsgrad, an dem wiederum Künstler wie Gerhard Altenbourg oder Dieter Goltzsche anknüpfen konnten.

Schwimmers Eigenart als Zeichner charakterisieren sein erotischer Sensualismus und seine geistvolle Linie. Er hat eine Linie, die nicht einfach den Umriss einer Figur nachzeichnet. Die Linie fasst mehr. Sie will nie nüchtern Bericht geben. Dort, wo das bloße Wiedergeben endet, setzt sie an. Seine Linie ist Erregung, erfüllt vom Hinstreben zum Gegenstand, sie zittert vom Hingerissensein, von der Anbetung, erhält ihren Schwung von der Liebe. Sie offenbart sein erotisches Verhältnis zur Welt.

Das höchste Ideal der Zeichenkunst sah Schwimmer darin, Anreger der Phantasie zu sein. Das im Akt schöpferischen Sehens aus Phantasie geborene Werk solle suggestives Erleben im Betrachter auslösen, in einer Art gemeinsamem Schöpfungsakt. Eine gute Zeichnung war ihm Produkt der Sehnsucht, der lebendigen Phantasie. Die Fackel der Phantasie gab er an seine Schüler weiter. Zunächst in Leipzig Bernhard Heisig, den Vater von Johannes Heisig, in Dresden dann Dieter Goltzsche und Max Uhlig, Werner Wittig, Sigrid Artes und Claus Weidensdorfer. Seinen Studenten rief er zu: „Ihr müsst Florettfechter werden!“ Max Uhlig erinnert sich: „Schwimmer sagte unter anderem, Zeichnen müsse ein Gefecht auf Leben und Tod sein. Er sprach von Geist gewordener Sinnlichkeit.“

Als vorletzten Punkt möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf einige Besonderheiten dieser Ausstellung lenken. Sämtliche Exponate sind bisher unbekannt. Sie stammen aus zu Lebzeiten Schwimmers entstandenen Sammlungen, die über Jahrzehnte bewahrt und nun für diese Ausstellung geöffnet wurden. Jedes der Werke ist für sich eine Entdeckung. Ein besonderer Schatz ist die Sammlung Fritz Schneider. Der erzgebirgische Volksschullehrer und Jugendfreund Schwimmers, geboren 1890 und 1979 gestorben, stand über 35 Jahre mit diesem in Korrespondenz, empfing von ihm Briefe, Skizzen, künstlerische Beigaben, immer wieder auch größere Einzelwerke. Allein die erhaltenen Briefe sind eine Fundgrube, da sie die innige Beziehung Schwimmers zu diesem Freund dokumentieren. – Wir zeigen Bilder aus allen Schaffensphasen, zu fast jeder Lebensstation lassen sich Bezüge herstellen. Pastell- und Deckfarbenmalerei, Aquarelle und Zeichnungen sind vertreten. – Eine Überraschung sind 2 Frühwerke von 1915, aus einer Zeit, in der Schwimmer noch in der Lehrerausbildung war. Herausragend sind 7 größere Gouachen aus der Zeit von 1949/50, die in ihrer Qualität für sich sprechen. Ebenso glücklich sind wir, insgesamt 18 seltene expressionistische Werke präsentieren zu können.

Abschließend darf ich noch eine Empfehlung aussprechen. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog. Er ist als bescheidene Ergänzung der Werkmonografien von Magdalena George und Inge Stuhr sowie der Texteditionen der Briefe und Tagebücher und der Schriften zur Kunst gedacht. Jedes Exponat erfährt darin eine Würdigung, Brieftexte aus der Korrespondenz mit dem Jugendfreund Fritz Schreiber sind in der Regel wiedergegeben.

Es ist zu hoffen, dass Ausstellung und Katalog ihren Beitrag zur besseren Kenntnis von Leben und Werk Max Schwimmers, aber auch zum Genuss seiner Werke zu leisten vermögen. Jetzt wünsche ich uns allen einen schönen Abend, viel Entdeckerfreude und schließlich auch Vergnügen beim Vergleich der beiden sächsischen Frankreichreisenden.

Michael Böhlitz, 13. Januar 2017

 

Galerie Himmel

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