Manfred Luther

Manfred Luther – Konkrete Meditationen

Ausstellung  |  28. März – 8. Juni 2024

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Einführung

Mit Manfred Luther (1925–2004) betrachten wir eine faszinierende Ausnahmeerscheinung der jüngeren Kunstgeschichte Dresdens und überhaupt der ostdeutschen Moderne. Sowohl ihrer Genese als auch ihrem bildästhetischen Ausdruck nach prägten sein künstlerischer Ansatz, seine Bildidee und das ganze daraus entwickelte Lebenswerk im Wesenskern ein Novum.

Wissbegierig, forschend und um Verständnis des inneren Zusammenhalts der Welt ringend betrat Manfred Luther Mitte der 1950er Jahre das Feld der bildenden Kunst und verfolgte gleichsam zwei Ziele. Zum einen suchte er im Sinne einer Meta-Synthese der Erkenntnisse aller Wissenschaften – vornehmlich der Philosophie, Mathematik, Physik und Astronomie –, aller Zeiten und aller Kulturen, nach einer Art Weltformel, die griffig und von universeller Gültigkeit die Welt und sämtliche ihrer Erscheinungen zu beinhalten und zu deuten vermag. Zum anderen verfolgte er einen radikalen Ansatz, um einen adäquaten künstlerischen Ausdruck für die im Geiste gewonnenen Gewissheiten zu erlangen und damit Bildkunst und Denken zum Einklang zu bringen.

Im Ergebnis erfand er 1960/1961 das Konzept »Idee Konkrete Zeichnungen« und etablierte ein Zeichensystem aus sechs geometrischen Grundfiguren, das ihm aufgrund seiner elementaren Geltung geeignet schien, seine philosophischen Thesen zu vermitteln, die in der zentralen Aussage gipfeln: »Materie zu Materie« oder etwas ausführlicher »Alle philosophischen Überlegungen beginnen bei der Materie und enden bei der Materie«.

Von diesem Paradigma der Entmaterialisierung und Objektivierung aus entwickelte er fortan sein gesamtes künstlerisches Werk, angefangen mit den puristisch schwarzen großformatigen »24 Tuschzeichnungen«, welche die sechs Grundfiguren regelhaft miteinander kombinieren und die er bis 1968 vollendete. Nicht ohne Selbstbewusstsein formulierte er den Anspruch, sein Konzept sei Abschluss und zugleich Vollendung dessen, was die Vorreiter der konstruktiv-konkreten Kunst nur angestoßen hätten: »Die Konkreten Zeichnungen schließen den Kreis (im philosophischen Sinne), den die Avantgarde (Malewitsch/Mondrian) begonnen hatte zu ziehen.«

Im semiotischen Verhältnis von Idee, Zeichen und Bild, aber auch hinsichtlich seiner Rezeptionsästhetik erreicht Manfred Luther mit dieser Idee eine Qualität, die ihn in der Außenbetrachtung gewissermaßen aus dem Rahmen der abstrakten bzw. konstruktiv-konkreten Kunst heraushebt und als einen Vorläufer der etwas später vor allem in den USA entstehenden Konzeptkunst ausweist. Sein hin und wieder gegebener Hinweis, es ginge ihm in seinen Bildern »mehr um das Begreifen, weniger um das Gefallen«, lässt der Idee deutlich den Vortritt vor der Form, ein zentrales Merkmal konzeptueller Kunst. Auch sein Umgang mit Sprache und Text, die Deklaration der meist seiner Ehefrau Ingrid in die Schreibmaschine diktierten erratischen Kommentare als werkimmanente Komponente von »Idee Konkrete Zeichnungen«, überhaupt der Werkcharakter und die kunstgemäße Gestaltung von Notizzetteln, Heften, Blättern, aber auch Rückseiten von Papierarbeiten und Bildtafeln mit entsprechenden Versatzstücken aus einem überbordenden Zitatenschatz von Sinnsprüchen, Redewendungen, eigenen Aphorismen und naturwissenschaftlichen Formeln, all das legt ein Verwandtsein mit Konzeptkunst nahe.

Für wenige andere Vertreter der nonkonformen Kunst in der DDR der 1960er Jahre ist die Präposition eines philosophischen Konzepts, ist die durchwirkende Einheit von Idee und Bild derart konstituierend, wie für Manfred Luther. So weist Paul Kaiser in seinem Beitrag für den vorliegenden Katalog auf A.R. Penck (1939–2017) hin, der mit »Standart« ebenfalls ein eigenes Zeichensystem entwickelte, dort aus Piktogrammen, Symbolen und Hieroglyphen statt aus geometrischen Figuren, um im sozialen Diskurs politisch-philosophische Konzepte zu kommunizieren. Neben ihm wäre auch Carlfriedrich Claus (1930–1998) zu nennen, nicht weniger unangepasst und autark, der die visuelle Poesie seiner zwischen Kalligrafie und (Seelen-)Landschaft oszillierenden »Sprachblätter« in vergleichbarer Weise aus einer geistigen, bei ihm allerdings psychologisch-sprachphilosophischen Standortbestimmung schöpft.

Der Rekurs auf das Bauhaus, auf De Stijl und die Anfänge von Konstruktivismus und Konkreter Kunst war ab 1960 ein weltweites Phänomen. Unter den von Hans Ulrich Lehmann in seinem Beitrag zum Katalog der Städtischen Galerie Dresden (2014) zum Vergleich genannten internationalen Künstlern sticht Sol LeWitt (1928–2007) erkennbar heraus. Der Pionier der US-amerikanischen Strömungen der Minimal Art und Conceptual Art lieferte für letztere mit seinem Text »Paragraphs on Conceptual Art« von 1967 sozusagen die Theorie für die neue Kunstform gleich mit. Gegenüber der Reinheit und Formstrenge des Konzepts von Manfred Luther, gegen dessen Geradlinigkeit bei der Entwicklung und Durchführung dieser Idee wirkt das Schaffen des New Yorkers zwar deutlich offener und fluktuierender. Doch darf für mindestens erstaunlich gelten, dass Sol LeWitt von 1970 bis 1985, also zeitgleich zur Ausführung der weiteren Werkgruppen aus »Idee Konkrete Zeichnungen«, grafische Serien mit »Combinations« und »Geometric Figures« in Siebdruck und Radierung anfertigte, die auf ähnliche Weise als Abwicklungen reduzierter Bausätze angelegt sind, wobei er zum Beispiel statt Luthers Oval das Trapez verwendete. Auch bei Sol LeWitt nehmen vereinzelte, für sich stehende Kreisbilder, »Circles«, einen besonderen Raum im Œuvre ein. Interessante Parallele scheint zudem, dass bisweilen Strukturen aus Linien oder Mustern die geometrischen Figuren von ihrem Untergrund absetzen. Eine konstruktiv-grafische Umsetzung, wie wir sie beispielsweise von den »24 Tuschzeichnungen« Manfred Luthers kennen, wo die unterschiedliche Streuung und Dichte ausgelassener Lichtpunkte, als Muster, die Figuren im kosmischen Dunkel erst aufscheinen lässt.

Die augenscheinliche Gleichzeitigkeit solcher Konzeptionen und ihrer Realisierungen bei Protagonisten dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs – zunächst einmal wie eine Bestätigung der Theorie der ›multiple discoverys‹ von Robert K. Merton wirkend –, wirft Fragen auf. War eine wie auch immer geartete Wechselwirkung solcher Positionen untereinander möglich? Immerhin lebte ein Bruder Manfred Luthers, Wolfram A. Günther, in München und versorgte ihn wohl auch mit Kunstliteratur. Für eine initiale Inspiration des Lutherschen Werkgedankens durch den westlichen Kunst- und Kulturbetrieb kamen Publikationen und Ausstellungen Sol LeWitts diesseits des Atlantik wohl zu spät. Sie fallen in eine Zeit, in der »Idee Konkrete Zeichnungen« bereits ausformuliert war. Andererseits war Manfred Luther den Erinnerungen seines Stiefsohnes Fritz Hennig zufolge einigermaßen westorientiert, sprach mit seiner Frau täglich Englisch, hörte regelmäßig Theaterkritiken des RIAS und träumte von einem Erfolg seiner Kunst in den USA. Es bleibt die spannende Frage, wie Ideentransfers und/oder andere autonom wirkende Mechanismen Künstler unter extrem differenten ökonomisch-politischen Voraussetzungen zu ähnlichen Ergebnissen gelangen ließ.

Manfred Luther hat bislang noch deutlich zu selten die ihm gebührende Würdigung erfahren. Verdienstvoll war die erste museale Präsentation, die Werner Schmidt als sein langjähriger Förderer 1991 im Dresdner Kupferstich-Kabinett für ihn ausrichtete. Im Jahr 2014, zehn Jahre nach seinem Tod, zeichnete die von Carolin Quermann wissenschaftlich betreute Ausstellung »Manfred Luther. Der lange Weg zum Kreis« in der Städtischen Galerie Dresden die Werkgenese des Gesamtschaffens nach, das sich aus der Grundidee wie aus einer Keimzelle über Jahrzehnte hin immer weiter und reicher entfaltete. Nun – wieder sind zehn Jahre vergangen – widmet die Galerie Himmel Manfred Luther zum 20. Todesjahr erneut eine Ausstellung. Es ist erklärtes Anliegen, damit nicht nur die Erinnerung an diesen singulären Künstler wachzuhalten, sondern auch den Horizont, den eingeübten Blick auf sein Werk etwas zu erweitern.

Hilfreich im Sinne einer modifizierten Bewertung könnte eine Standortbestimmung sein, die Persönlichkeit und Schaffen Manfred Luthers deutlicher in den Kontext konzeptueller Kunst setzt. Viele Eigen- und Besonderheiten seiner künstlerischen Arbeit, allein schon seine augenfällige Sonderstellung innerhalb der konstruktiv-konkreten Kunst Dresdens, werden dadurch einleuchtend. Ganze Werkbestandteile wurden, unmerklich befördert durch die bislang geltende Lesart als konstruktiv-konkrete Position, an der, das sei hier konzediert, wohl auch der Künstler gehörigen Anteil hatte, regelrecht marginalisiert bzw. überhaupt nicht wahrgenommen.

Wohl in Anlehnung an die »Mystischen Köpfe« und »Meditationen« von Alexej Jawlensky (1864–1941) konstruierte Luther Anfang der 1960er Jahre für den Linolschnitt einige auf das Notwendigste reduzierte Gesichter aus einfachen Strichen, darunter ein »Selbstbildnis« mit einem geschlossenen und einem offenen Auge. Dieses Motiv griff er später oft auf, sich selbst und dem Betrachter quasi zwinkernd als ebenso skeptischer wie humorvoller Geist gegenübertretend. Im Nachgang differenzierte er die Gesichter weiter aus, um sie mit Titeln wie »Homo sapiens«, »Salomo« oder »Edel sei der Mensch« zu versehen. Im künstlerischen Nachlass sind weit über fünfzig dieser stilisierten Gesichter erhalten, doch publiziert fand sich bislang kein einziges. Lediglich die Werkdaten der vier Linolschnitte sind im Katalog des Kupferstich-Kabinetts von 1991 etwas verschämt als »frühe Arbeiten« gelistet, obwohl sie etwa zeitgleich mit dem Hauptwerk »24 Tuschzeichnungen« entstanden sein müssen.

Die Bezeichnung ›Homo sapiens‹ bedeutete Manfred Luther deutlich mehr als ein allenfalls für Werktitel zu gebrauchender Gattungsbegriff, er fasste sie als an sich selbst gerichteten Anspruch auf. Es scheint ihm notwendig und ethisch unabdingbar gewesen zu sein, den menschlichen Verstand zur Durchdringung letzter Geheimnisse einzusetzten. Sein Erkenntnishunger und seine Wahrheitssuche richteten sich dabei auf das Geistige, von ihm ›Weisheit‹, ›Spiritus‹ oder ›Weltgeist‹ genannt. Vor allem den zwei für seine persönliche Lebensführung zentralen Begriffen ›Homo sapiens‹ und ›Weisheit‹ widmete er in wechselnden Materialien und Techniken, absichtsvoll verschiedene Stilmittel erprobend, die zahlreich überlieferten Bilder von den (oben beschrieben) »Gesichtern« und den »Eulen«, die ebenfalls einen besonderen Platz im Werk Luthers einnehmen.

Menschlich und intellektuell achtenswert bleibt neben der schon von Werner Schmidt gewürdigten geistigen Haltung die Art nobler Gelassenheit, mit der Manfred Luther auf Herausforderungen zum Beispiel durch konkurrierende Kunstpositionen reagierte. Auch sich selbst gegenüber ließ er im Laufe des Lebens mehr und mehr Milde walten, erlaubte sich nach und neben der selbstverordneten Askese der »24 Tuschzeichnungen« eine zunehmende Öffnung und Weiterung. Während seine Wandlungs- und Spiellust in den »Paraphrasen« der 1970er Jahre noch den strengen Gesetzen serieller Kombinatorik folgt, steigert sie sich etwa ein Jahrzehnt später in den Spiralen der Folge »Ab ovo. Vom Uranfang an« fast in eine Umkehrung. Die in Lackfarben frei getröpfelten Spiralbilder stehen maltechnisch mit dem Chaotisch-Informellen der Drip-painting-Manier, aber auch wahrnehmungsästhetisch mit ihrem Ungefähren und Diffusen in größtem Gegensatz zur puristischen Klarheit und Reinheit, zum Konstruierten des Formenkanons, mit dem die »Idee Konkrete Zeichnungen“ ihren Anfang nahm.

Um diesem Wesenszug Manfred Luthers in der Betrachtung von Persönlichkeit und Schaffen mehr Raum zu geben, lag ein Augenmerk für die Ausstellung auf den bislang wenig bis gar nicht beachteten, meist kleinformatigen Bilderserien, in denen sich die Lust an Form- und Gedankenspielen sowie an ironischer Selbsthinterfragung stärker niederschlug und die wir hier versuchsweise als »Improvisationen« zusammenfassen. Die sich darin manifestierende Wandlungs- und Spielfreudigkeit, ebenso die darin enthaltenen Momente humoriger Selbsthinterfragung und Selbstwiderlegung lassen die Frage zu, wie sehr Manfred Luther neben dem Ideal des ›Homo sapiens‹ auch dem Konzept des ›Homo ludens‹ entsprochen habe.

Der Ausstellung und Katalog vorangestellte Titel »Konkrete Meditationen« sollte niemanden dazu verleiten, sich Manfred Luther als Esoteriker etwa bei religiös-spirituellen Übungen vorzustellen. Seine Werke müssen vielmehr als ›Meditationen‹ im Sinne geistiger Übung gelesen werden, als eine Praxis des Nachdenkens und Nachsinnens. Ihr Gegenstand ist geistiger Natur, ist (im Wortsinn ›konkret‹) das Denken selbst. Auch die künstlerische Arbeitsweise trägt bisweilen Züge meditativer Praktiken: Die wenig ökonomische, eher selbstkasteiende Herstellung der »24 Tuschzeichnungen« mittels immer und immer wieder reliefartig deckend übereinander gelegter Federstriche. Das Kombinieren hunderter Varianten und Ableitungen aus dem Bausatz der geometrischen Figuren. Das beständige Repetieren bestimmter Bedeutung tragender Bildgegenstände und -kompositionen. Da sind Elemente der kontemplativen Versenkung, der Gleichstimmung von Emotio und Ratio mit Händen zu greifen, hier natürlich mit dem Ziel der Reflexion, Vergeistigung und Erkenntnissteigerung.

Jedoch: ›Meditation‹ gelingt in Anwendung auf Luthers Kunst auch in der Gegenrichtung, stellt im Doppelsinn auch auf die Denkleistung der Betrachter ab. Insofern möchten wir den Titel »Konkrete Meditationen« als eine Einladung verstanden wissen, die Luthersche Kunst nicht allein in ihrer ästhetischen Gestalt wahrzunehmen, sondern auch begreifend zu ergründen.
Unerwähnt blieben bis hierhin die für Manfred Luther geradezu berühmten Kreisbilder der 1980er und 1990er Jahre, gern und gewiss nicht zu Unrecht als später Höhepunkt des schon reifen Künstlers beschrieben. Konzeptionell behaupten diese Bilder der Folge »Cogito ergo sum« die Vollendung seines Kunstwollens, während ihre Ausstrahlung derjenigen von Ikonen gleicht. Die ikonische Wirkung kommt nicht von ungefähr, sie ist vielmehr gezielt hervorgerufen durch eine materialästhetische Aufwertung, die im Werk Manfred Luthers ihresgleichen sucht. Trotz des immer gleichen Zirkelschlags auf wechselnden Untergründen: in keiner anderen Werkgruppe findet sich eine noch stärkere Individualisierung, eine solche Steigerung des Schönen. Der alte Vorsatz, die äußere Form sei nachrangig und müsse Inhalt und Idee untergeordnet bleiben, wird hier in den Wind geschlagen. Transzendental schweben die Kreise in einem aufwändig gearbeiteten, oft kostbar schimmernden Bildraum, von ferne an den Astralraum der »24 Tuschzeichnungen« erinnernd. Eine letzte Wandlung und ein Paradoxon, wenn mit der Verwendung religiös konnotierter, spirituell aufgeladener Farben wie Goldbronze, Gold oder Silber, von glänzenden Metallfolien etc. die Gewissheiten konstruktiv-konkreter wie konzeptueller Kunst auf herrlichste Weise ad absurdum geführt werden.

Michael Böhlitz, Manfred Luther. Konkrete Meditionen
Vorwort zum Ausstellungskatalog 2024

Galerie Himmel

Aktuelle Ausstellung

Manfred Luther |
Konkrete Meditationen

28. März - 8. Juni 2024

Vernissage | Donnerstag, 28.3.2024, 19 Uhr | Laudatio:
Dr. Paul Kaiser, Kunst- und Kulturhistoriker, Kurator und Publizist, Dresden