Leipziger Schule, Teaser, Rink

Leipziger Schule - Generation 1940

Ausstellung | 3. Dezember 2011 - 21. Januar 2012

Einführung 

Unter der Flagge „Leipziger Schule“ segeln so unterschiedliche Künstler wie Werner Tübke, Hartwig Ebersbach oder Neo Rauch, bei deren vergleichender Betrachtung durchaus nicht jeder zuerst auf die Idee käme, zu fragen, ob sie etwa einer gemeinsamen „Schule“ angehörten. Insofern ist der Begriff „Leipziger Schule“ durchaus nicht unumstritten. Ganz im Gegenteil begleitet ihn seit seinem Aufkommen im Feuilleton der 70er Jahre eine intensive kritische Hinterfragung. Manche Künstler wehren sich gegen diese Etikettierung und in bestimmten Bereichen, nicht zuletzt in der Kunstwissenschaft, wird er bis heute nicht voll akzeptiert. Dennoch hat der Begriff „Leipziger Schule“ seine Berechtigung, denn er hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch so weit etabliert, dass eine allgemeine Übereinkunft darüber besteht, welche Künstler und welche Art von Malerei damit gemeint ist.

Interessanter als die Frage nach der Berechtigung des Begriffs ist die mit diesem Begriff benannte Erscheinung selbst und die Frage, woher dieses lose scheinende Konglomerat aus Künstlerpersönlichkeiten, Lehrer-Schüler-Beziehungen, Galerieprogrammen und künstlerischen Handschriften ihren inneren Zusammenhalt beziehen – und vor allem, was das Geheimnis ihres Erfolges war. Denn Eines ist so gut wie sicher: Die Bezeichnung „Leipziger Schule“ hätte sich niemals durchgesetzt, wäre sie nicht von einem nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg untersetzt gewesen. Insofern war sie nur in zweiter Linie eine journalistische Kategorisierung zur zunächst eher behelfsmäßigen Benennung eines Phänomens. In erster Linie war sie eine Marktkategorie, ein Markenname von unmittelbar kommerzieller Dimension – und es muss nicht extra gesagt werden, dass die Akteure des Kunstmarkts keine Scheu trugen, die für sie vergleichsweise marginalen Unstimmigkeiten der Begrifflichkeit zugunsten ihrer mal preissteigernden, mal wertsichernden Zugkraft zu vernachlässigen. Die Schubladen des Markts sind einfach viel größer (und handlicher) als die des Feuilletons – und als die der Wissenschaft zumal.

Die Leipziger Schule besteht heute aus immerhin drei Generationen Künstlern, hauptsächlich Malern und Grafikern, die alle eine mehr oder minder starke Bindung an die Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig haben. Von daher, von dieser Kopplung an eine akademische Schule rechtfertigt sich der Schul-Begriff. Er rechtfertigt sich aber auch, weil die Mehrzahl der betreffenden Künstler in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis zueinander stand. Die Leipziger Schule bildet eine regelrechte akademische Dynastie, in der die einzelnen Künstler in der Regel bei den Künstlern der vorhergehenden Generation in die Lehre gingen. Ob sich diese Dynastie unter den heutigen Bedingungen weiter entwickeln kann, dass heißt, ob es jemals eine vierte Generation der Leipziger Schule geben wird, ist mehr als ungewiß.

Die erste Generation jedenfalls – man könnte sie als die „Alte Leipziger Schule“ bezeichnen – bestand aus der berühmten Trias dreier überragender und für sich jeweils vollkommen autarker Malergiganten: Bernhard Heisig mit seiner visionären Expressivität, Wolfgang Mattheuer mit seiner analytischen Sachlichkeit und Werner Tübke mit seinem virtuosen Manierismus. Wichtig zu betonen: Von diesen drei Künstlern bedurfte damals keiner irgendeines Schulbegriffs, um sich oder den Käufern oder dem Feuilleton oder auch dem allgemeinen Publikum einer Bedeutung zu versichern. Das war für die nachfolgenden Generationen durchaus anders, deren Vertreter gerade den Durchbruch am Beginn ihrer Karrieren zu gewiss verschiedenen Anteilen auch dem Schulbegriff und seinen mitschwingenden Versprechungen verdanken.

In den Werken dieser Drei manifestiert sich dreierlei, was als substanzieller Kern der Leipziger Schule benannt werden kann: Erstens ist das der von Dieter Hoffmann klar erkannte bildnerische Grundkanon der Leipziger Maler, bestehend aus dem figürlichen Element und dem erzählerischen Element (im Lateinischen figura und narratio) mit denen man an die Traditionen klassischer Bilderzählung anknüpfte. Zweitens ist es die Aufkündigung der Zwangsjacke des „Sozialistischen Realismus“ – sozusagen offen versteckt in mythologischen Codierungen und doppelbödigen Bildformeln. Drittens aber eignet ihren Werken eine außergewöhnliche handwerklich-technische Meisterschaft auf der Grundlage intensiven zeichnerischen Studiums, das im Lehrprogramm der HGB nicht zufällig einen besonderen Stellenwert innehatte.

An diese Tradition und an die fulminanten Leistungen dieser drei Großen konnte die nächste Generation der Leipziger Schule anknüpfen, die sogenannte zweite Generation, die man auch die „Mittlere Leipziger Schule“ nennen könnte. Diese Generation wartet mit einem nicht mehr so übersichtlichen Tableau von Künstlern auf: Von 10 mit der Materie vertrauten Kunstkennern werden Sie hier höchstwahrscheinlich 10 verschiedene Zusammenstellungen von Künstlernamen genannt bekommen. Doch in allen diesen Aufzählungen werden Sie die Namen der hier versammelten sechs Künstler wiederfinden, die sozusagen den Kern dieser Generation bilden: Volker Stelzmann, Arno Rink, Wolfgang Peuker, Rolf Kuhrt, Gudrun Brüne und Heinz Zander. (Dabei sollen zwei weitere Maler nicht unterschlagen werden, die eigentlich auch zu dem genannten Kern gehörten: Hartwig Ebersbach und Sighard Gille, die wir aus rein ausstellungstechnischen Gründen nicht zeigen können.) Sie alle sind um 1940 geboren und haben an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert. Ihre Lehrer waren die Gründerväter der Leipziger Schule, Tübke, Mattheuer und Heisig. Die meisten von ihnen sind später selbst Professoren geworden, unterrichteten teilweise die Vertreter der „Neuen Leipziger Schule“ oder gingen wie Volker Stelzmann nach Berlin, um an der dortigen Universität der Künste zu lehren.

Damit wären wir bei der dritten Generation der „Leipziger Schule“ angelangt, der „Neuen Leipziger Schule“, wie sie meist genannt wird. Diese Künstler – wie Neo Rauch, Tilo Baumgärtel oder Matthias Weischer – sind wiederum Schüler bei den Vertretern der zweiten Generation gewesen, bei Arno Rink und Sighard Gille, manche auch bei Volker Stelzmann und Rolf Kuhrt. Manche von ihnen sind Popstars der internationalen Kunstszene, deren atemberaubender Aufstieg sich unter anderem der geschickten Förderung von Leipziger Galeristen wie Jürgen Kleindienst und Gerd Harry Lybke verdankt. Die entscheidende Grundlage aber lieferten die älteren Generationen. Und ich behaupte sogar, dass es die (manchem Beobachter übertrieben oder kurzfristig scheinenden) sensationellen Erfolge der Neuen Leipziger Maler auf dem internationalen Parkett ohne die soliden Leistungen der älteren Leipziger Schulen so nicht geben würde.

Nun aber zurück zur „Generation 1940“, zur zweiten Generation der Leipziger Schule. Die stilistisch teils stark divergierenden Malweisen, die hier im direkten Vergleich der Werke besonders und teilweise frappant ins Auge stechen, widersprechen dem Schulbegriff nur scheinbar. Man kann die Leipziger Schule als Ganzes wiederum nach Schulen und Strömungen unterteilen, je nachdem, welcher der drei unterschiedlichen persönlichen Ausprägungen in der Gründerphase die jeweiligen Künstler eher zuzuordnen sind: Heisig, Mattheuer oder Tübke. Hier ist häufig zwischen einer expressiv-erruptiven Fraktion Heisig’scher Prägung und einer manieristisch-feinmalerischen Fraktion Tübke’scher Manier unterschieden worden. Daneben lassen sich auch Beispiele für eine Weiterführung der metaphorisch-sachlichen Bildkunst eines Mattheuer finden.

Latent für die manieristisch-feinmalerische Richtung war immer ein überaus starker Bezug auf die Alten Meister, die bisweilen akribisch genau studiert wurden, wie dies für Tübke belegt ist. Überall in den Werken dieser Strömung der Leipziger Schule sind die Wirkungen dieses Studiums beispielsweise der altdeutschen Meister zu entdecken. Einmal darauf fokussiert, erkennt man den Anteil des älteren Lucas Cranach an den koketten Grazien bei Wolfgang Peuker oder auch Matthis Grünewald's an den herrlich antiquierten Handzeichnungen von Heinz Zander. Von noch größerer Bedeutung waren die italienischen Meister der Renaissance und des Manierismus – geradezu gefeiert in den kostbaren Radierungen Volker Stelzmann’s. Das ist weit mehr als adaptierte Bildsprache. Da ist ein formales Verständnis von Linie, Licht und Schatten zu spüren, das Jahrhunderte scheinbar mühelos nivelliert, ohne zur gemeinen Kopie zu verderben.

Und da wir gerade bei er Druckgrafik sind: Die Pflege der druckgrafischen Techniken kennzeichnet und charakterisiert die Leipziger Schule in besonderem Maße. Es ist keineswegs zufällig, dass zur zweiten Generation der Leipziger Schule auch drei Künstler zählen, die als reine Grafiker in Erscheinung getreten sind: Karl-Georg Hirsch, Rolf Münzner und Baldwin Zettl. Hierin äußert sich vor allem eine Besonderheit des Kunststandorts Leipzig, der mit der HGB eine der wichtigsten, um nicht zu sagen die bedeutendste Lehranstalt für druckgrafische Techniken in der DDR bereithielt, inklusive gut ausgestatteter Werkstätten und Pressen, inklusive aber auch der unverzichtbaren Personalstellen für künstlerische Leiter und Drucker. Eine unvergleichliche Infrastruktur, die seit 1990 mit Billigung der sächsischen Hochschulpolitik immer weiter abgebaut, um nicht zu sagen abgewickelt wurde. Die reiche druckgrafische Produktion in Leipzig war einmalig für die Kunstszene der 1970er und 1980er Jahre in der DDR wie auch international und wird es wohl leider auch bleiben.

Michael Böhlitz

(Auszug aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung am 2. Dezember 2011)
 

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