Jochanaan, der Prohet ∙ 2008 ∙ Collage ∙ nach „Salome" von Oscar Wilde ∙ 79 x 57 cm 

Der Kuß V ∙ 2007 ∙ Holzschnitt ∙ Drucker Udo Haufe ∙ 57 x 90 cm 

Junge Frau (in grüner Bluse) ∙ 1993/2008 ∙ Kohle/Collage ∙ 45 x 29 cm 

Jans schlafend ∙ 2002/05 ∙ Mischtechnik / Collage ∙ nach „Jans muß sterben" von Anna Seghers ∙ 48 x 34 cm

Jans frei ∙ 2002/05 ∙ Mischtechnik / Collage ∙ nach „Jans muß sterben" von Anna Seghers ∙ 49 x 32 cm

Salome ∙ 2008 ∙ Collage ∙ nach „Salome" von Oscar Wilde ∙ 70 x 58 cm  

Katharina Kretschmer - Unterwegs 

Ausstellung | 21. November 2009 - 9. Januar 2010 

Einführung

Die Malerin und Grafikerin Katharina Kretschmer ist beileibe keine Unbekannte mehr. Mit zahlreichen Ausstellungen hat sie sich in den letzten zehn Jahren vor allem in Dresden aber auch überregional bekannt gemacht. Namhafte Galerien haben ihre Werke unter anderem in Dresden und Meißen, Halle und Leipzig, Potsdam und Magdeburg präsentiert, so dass inzwischen viele Kunstliebhaber mit ihrem Namen und ihrer Arbeitsweise vertraut sind.

1971 in Dresden geboren, wuchs Katharina Kretschmer in einer Theaterfamilie auf, erhielt schon früh Mal- und Zeichenunterricht. Nach dem Abitur arbeitete sie zunächst als Schneidergehilfin und Disponentin am Theater der Jungen Generation in Dresden und begann 1990 eine Lehrerausbildung in der Fachrichtung Deutsch und Kunsterziehung an der Pädagogischen Hochschule in Dresden. 1991 entschied sie sich endgültig für die künstlerische Laufbahn, ging an die Hochschule für Kunst und Design auf Burg Giebichenstein in Halle, um Textilkunst zu studieren, wechselte dort in den Studiengang Malerei und Grafik wo sie bis 1994 Schülerin der Professoren Frank Ruddigkeit und Ronald Paris wurde. Nach weiteren drei Jahren Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden unter dem künstlerischen Einfluss von Claus Weidensdorfer erhielt sie 1997 ihr Diplom und ging danach wiederum für zwei Jahre als Meisterschülerin von Ronald Paris an die Burg Giebichenstein in Halle. Seit 1998 arbeitet sie freischaffend in Dresden. Sie hat einen Mann, drei Söhne, ein viertes Kind ist unterwegs - eine mitten im Leben stehende Frau, die mit beneidenswerter Kraft und Energie ihr Familienleben und ihr Künstlerleben miteinander in Einklang zu bringen versteht.

Als ich sie das erste Mal in ihrem Atelier besuchte, haben mich die Bilder sofort in den Bann gezogen. Sie berühren auf eigenartige Weise, sie fassen einen an. Ich glaube, sie rühren an ein verborgenes Ich, das freudig etwas Elementares wiedererkennt, etwas Verwandtes oder sogar Eigenes, das zivilisatorisch verschüttet in uns ruht. Und so lösten gerade diese auf den ersten Blick reizvoll fremdartig und ein wenig exotisch wirkenden Bilder in mir paradoxerweise das Gefühl einer tiefen Vertrautheit aus. Welcher Zauber wohnt diesen Bildern inne, dass sie einem derart vertraut scheinen?

Den wesentlichen Hinweis gab uns die Künstlerin mit ihren zwei Katalogen von 2001 und 2008, die Übersichten über das bisher entstandene Werk bieten und für die sie den Titel „Homo sapiens" wählte. Es ist tatsächlich der Mensch, der im absoluten Fokus ihres Schaffens steht und zwar der aller überflüssigen und verschleiernden Überformungen und Masken entledigte, bis auf seinen existenziellen Kern entkleidete Mensch. Und das ist das Überraschende, das wir uns trotz all dieser betörend schönen Dekore und Farbflächen, der faszinierend schillernden Texturen und Muster, letztendlich nackt in ihren Bildern wiederfinden, gekleidet bloß in eine Nacktheit, die uns für Andere erkennbar werden lässt als dieselben Gebeutelten, dieselben Glücksberauschten, dieselben Verletzten und Gestrandeten.

Die Kunsthistorikerin Regina Niemann hat dieses Menschenbild einmal sehr treffend mit den Worten beschrieben:

 "Das ist wohl das besondere Talent von Katharina Kretschmer, diese komplizierten Spannungen des Seelenlebens unter den Häuten des Alltags und unter den Gewändern unserer Eitelkeiten und Ängste wahrzunehmen. Und ganz offensichtlich gibt es für ihre künstlerischen Ambitionen nichts Besseres als das Bild des Menschen selbst; seinen Körper, sein Gesicht, seine Gebärden, seine innere Welt."

So widmet sich Katharina Kretschmer in ihren Collagen und Gemälden, Radierungen und Holzschnitten dem Bild des Menschen und den Grundthemen menschlichen Daseins. Zustände wie Liebe, Glück und Geborgenheit, aber auch Schmerz, Isolation und Trauer macht sie in ganz eigenen Bilderfindungen neu erfahrbar. Ihre besondere Beachtung gilt dabei der Darstellung der Frau. Sie gibt den großen weiblichen Hauptrollen der Menschheitsgeschichte ein Gesicht, verleiht weiblichen Figuren aus Mythos und Literatur in ihren Bildern Gestalt. So erstehen Eva und Salome wieder, Antigone und Kassandra erwachen zu neuem Leben, Sophie Scholl schaut auf uns und wird uns plötzlich zu einem spürbar emotionalen Gegenüber.

Katharina Kretschmer sagt von sich selbst aber, dass es ihr um mehr geht. Sie spürt den emotionalen Spuren von erfüllten und unerfüllten Beziehungen in der Familie und in der Liebe nach, wobei auch Erotisches und Lustvolles nicht ausgespart bleibt. Sie tastet die Bruchlinien und Narben weiblicher Emanzipation und Selbstbehauptung ab, widersteht dabei aber konformistischen Schönheitsidealen ebenso, wie sie sich eben nicht auf ein eurozentristisches Frauenbild westlicher Prägung festlegen lässt. Nein, sie ergründet in ihren Bildern das Frau-Sein in der Welt, lässt in ihren Arbeiten ein universelles Bild der Frau entstehen, an dem historische Vorbilder wie Sophie Scholl ebensolchen Anteil haben, wie die als schwarzhäutiges Model aufgestiegene und als Menschenrechtlerin gegen die Beschneidung von Mädchen kämpfende Waris Dirie oder auch die namenlosen Frauen von Dafur, oder die vielen anderen unbekannten Heldinnen des täglich weltweit sich fortsetzenden Kreislaufs von Verfolgung, Krieg und Unrecht.

Doch welche Formensprache ist der Künstlerin zu Hand, diese Inhalte, diese Ergründungen der menschlichen Seele darstellbar werden zu lassen. Einprägsam ist ihr individueller Figurenstil, der Anklänge an Dresdner Expressionisten, wie Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel wahrnehmen lässt. Zur flächig gehaltenen Farbigkeit und der ausdrucksstarken Linienführung - und hierin wird nicht selten eine frappierende Nähe zu Willy Wolff spürbar - gesellen sich zarte Dekore und Muster, die ihren außergewöhnlichen Collagen eine fremdartige Schönheit verleihen.

Mit reduzierten, bisweilen groben Zügen teilt die Linie den Raum, umschreibt die Figur, ihre Haltung, ihre Mimik, schält ihren archaischen Kern aus den Hüllen des Zivilisatorischen und bleibt trotz allen Behauptungsdranges dabei doch in gewisser Weise fragil und verletzlich. Fragend nach der Möglichkeit von Schönheit, von Vollkommenheit und Ganzheit in einer wenig vollkommenen Welt. - Hier liegt die ganze Stärke, der Kern eines Künstlertums begründet: Im Zeichnen. Und tatsächlich birgt der Zeichenstil der Katharina Kretschmer die ganze Komplexität ihrer künstlerischen Existenz, zugleich von zupackender Selbstbehauptung wie von fragendem Zweifel geführt. Kantige, bisweilen spröde Konturen reißen eine scharfe Grenze zwischen Raum und Figur. Zerschneiden die einmal herausgetrennten Flächen immer wieder und lassen sie wie schwimmende Schollen auseinander und aneinander vorbei treiben, bis sie in einem genialen Moment, in einer Art schicksalhafter Fügung wieder aneinander geraten und vollkommen neue, so nicht dagewesene, so vielleicht noch nicht einmal gedachte oder von der Künstlerin gewollte Formen hervorbringen.

Seit Jahren pflegt Katharina Kretschmer die Collage als ihr wesentliches Ausdrucksmittel und sagt dazu:

„In den letzten Jahren war und ist es vor allem die Collage, deren ästhetisch reizvolle und spielerische Möglichkeiten mich faszinieren. Sie hat mir die Türen weit geöffnet. Ich empfinde sie bisher als größte Bereicherung in meiner Arbeit. Durch sie habe ich mich erneut dem Holzschnitt zugewandt, der zur Klarheit und Strenge zwingt. Auf das Wesentliche reduziert, was überhaupt das Anliegen meiner Arbeit ist."

Als besonderes Merkmal ihrer Collagen fließen neben unzähligen verschiedenen Papiersorten und -dekoren auch eigene Produkte aus anderen bildkünstlerischen Techniken mit ein und verleihen damit einzelnen Werkkomplexen, Themengruppen oder auch Schaffensphasen ihren ureigenen Charakter. Zu den geläufigen und meistenteils papiernen Ingredienzien gesellen sich Ausschnitte aus Druckgrafiken wie Kaltnadelradierungen oder Holzschnitten, teilweise auch Fragmente von Kohle- oder Tuschzeichnungen, schließlich immer wieder Versatzstücke aus in Mischtechnik auf Papier gemalten Bildern. Hierin zeigt sich die Künstlerin äußerst virtuos - in scheinbar unendlichen Abwicklungen spielt sie immer neue Fügungen durch. Das einmal gefundene Motiv, die Figur, die Bildmetapher wird immer weiteren Metamorphosen ausgesetzt, bis es sich mehrfach gewandelt und verfremdet - als Dasselbe und doch nicht mehr Dasselbe - auf einer neuen Ebene wiederfindet, wo sich dem Betrachter neue Assoziationspotentiale erschließen.

Eine besondere Beziehung scheint Katharina Kretschmer mit dem Papier zu verbinden: Sie bedruckt es, bemalt und bezeichnet es, zerschneidet und fragmentiert dieses Bedruckte und Bezeichnete dann, um es als Material mit traumwandlerisch anmutender Sicherheit in Collagen neu zu fügen, mit anderen dekorativ gemusterten Papieren zu paaren und in wachsenden Schichtungen zu seltsam innigen Bildern verwandelt wiedererstehen zu lassen.

Auf der Suche nach einem passenden Untertitel für eine Ausstellung, nach einem möglichst adäquaten Ausdruck für ihr aktuelles künstlerisches Schaffen nannte Katharina Kretschmer nach kurzem Überlegen spontan das Wort „Unterwegs". Was meint dieses „Unterwegs"? Ist damit ein Noch-nicht-angekommen-Sein gemeint, ein Zustand des Unfertigen, der Unreife gar? Oder beschreibt das Wort eher einen Zustand des Unbeständigen, Ungreifbaren? „Unterwegs" weckt in uns Assoziationen wie Flüchtigkeit und Verflüchtigung, ein Vorübergehen von Etwas, ein Auf-dem-Weg-Sein. Auf der anderen Seite evoziert das Unstete in uns Reize des Wechsels, der stetigen Erfrischung und Erneuerung des Geistes und der Sinne. Irgendwo hier ist das Unterwegssein der Katharina Kretschmer angesiedelt, die es für sich einmal so beschrieben hat:

„Ich werde mich auch weiterhin in meinem künstlerischen Schaffen nicht festlegen, das Erreichte immer wieder hinterfragen und es als Basis neuer Herausforderungen für mich betrachten. Ich vertraue meiner Neugier und Experimentierlust. Den Reisen, die in mir selbst stattfinden!" 

 

Michael Böhlitz - 20. November 2009 

Anne Kern - Herbstzeitlose | Ausstellung | Galerie Himmel

Aktuelle Ausstellung

Klaus Drechsler - Herbstzeitlose
25. Nov. 2017 - 13. Jan. 2018

Vernissage

Freitag, 24. Nov. 2017, 19 Uhr
Der Schauspieler Friedrich Wilhelm Junge liest Gedichte von Hermann Hesse und Wulf Kirsten.

Einladungen  

Lassen Sie sich zu unseren Vernissagen einladen!

Ahnung ∙ 2007 ∙ Kohle/Kreide/ Collage ∙ nach einem Gedicht von Ivar Bahn ∙ 30 x 21 cm 

Hans Scholl ∙ 2004 ∙ Mischtechnik/Collage ∙ 70 x 50 cm 

Die Wolfsfrau II ∙ 2000/04 ∙ Holzschnitt ∙ Drucker Udo Haufe ∙ 77 x 38 cm

Guillaume Depardieu ∙ 2008 ∙ Mischtechnik/Collage ∙ 64 x 39 cm

Shirin Gol III ∙ 2002 ∙ Kaltnadel/ Collage ∙ 45 x 29cm

Antigone und Ismene ∙ 2004 ∙ Mischtechnik/Collage ∙ 70 x 99 cm