zu Heinrich Heine "An die Engel" ∙ 2006 ∙ Farblithografie 5/6 ∙ 70,5 x 90 cm

Hubertus Giebe - Druckgrafik aus 30 Jahren  

Ausstellung | 24. Januar - 21. März 2009 

Einführung 

Wenige Tage vor Beginn der großen Hubertus-Giebe-Ausstellung im Palais Großer Garten, die unter dem Titel „Geschichtsbilder" am 8. Februar eröffnet werden wird, zeigt die Kunsthandlung Koenitz mit dieser Ausstellung grafische Arbeiten des Künstlers - Radierungen und Lithografien - die in den Jahren 1979 bis 2009 entstanden.

Ich möchte mich in diesem Zusammenhang bei Reinhard Decker, dem Vorstandsvorsitzenden des Fördervereins Palais Großer Garten, bedanken, dem wir den ersten Kontakt zu Hubertus Giebe verdanken. Vor allem aber bin ich dem Künstler selbst dankbar, der unserer Idee, die Ausstellung im Palais mit einer gleichzeitigen Grafikausstellung zu flankieren, sofort unvoreingenommen und aufgeschlossen gegenüber stand und uns in seinem Atelier großzügig Einblick in sein Schaffen und Werk gewährte.

Im Kontrast zur großen Präsentation im Palais, die sich anlässlich des 64. Jahrestages der Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945 ausschließlich großformatigen „Geschichtsbildern" in Form von Gemälden und Fotofahnen widmet, zeigen wir in einem bescheideneren Rahmen ein Spektrum von Papierarbeiten, das von Geschichtsbildern und Grafik zur Literatur bis hin zu Landschaften, Porträts und Aktdarstellungen reicht und ein möglichst breites Bild von Giebes graphischem Schaffen wiedergeben soll.

„Die Graphik" - so Hubertus Giebe im Jahr 2000 in einem Text für den Sammler Dr. Ottmar Franz - „hat die Malerei bei mir von Anfang an innig begleitet. Dabei interessierte mich nicht eine malerische Grafik, ´Malergrafik` (es gibt sie) - sondern die Eigenart graphischer Erfindung, ihr einmaliger, seltener Reiz, der sich freilich nicht auf geliebte Handwerklichkeit reduzieren lässt. Auch Grafik ist ein niedergeschriebenes Geistiges, ein Phänomen des Sehens, freilich nicht losgelöst von den erfahrenen und erlittenen Geschichten der Welt, auch der durch Literatur vermittelten Welt, nicht zuletzt den speziellen Erfahrungen des Lebens im Osten."

Aber zunächst ein paar biographische Daten zum Künstler: Seine künstlerische Laufbahn begann Hubertus Giebe in den Jahren 1969 bis '72, als er ein Abendstudium für Malerei an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste besuchte. Bereits hier war dem jungen Giebe die doktrinäre Ausrichtung auf ein heiles sozialistisches Menschenbild, eine soziale Utopie suspekt und inhaltlich unannehmbar. Doch profitierte Giebe während des Abendstudiums von der auf der Kunst und Einübung des Zeichnens aufbauenden Ausbildung, in der noch etwas vom Geist eines Otto Dix lebendig schien. 1974 begann er sein Studium der Malerei und Grafik an der Dresdner Akademie. Im fünften Semester ließ er sich exmatrikulieren, weil ihm die Akademie zu wenig Raum für die eigene Entfaltung bot. Die Fürsprache Gerhard Kettners, des damaligen Rektors der Akademie, verhalf ihm beim Verband Bildender Künstler der DDR zu einer „vorläufigen befristeten Arbeitserlaubnis" als freiberuflicher Maler und Grafiker. Im Jahr 1977 heiraten Hubertus Giebe und Marlies Kettner. 1978 legt Giebe an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig ein externes Diplom ab. Anschließend ist er für ein Jahr Meisterschüler der Leipziger Hochschule bei Bernhard Heisig. Er nutzt diese Zeit vor allem zu einer intensiven Zusammenarbeit mit dem bekannten Drucker Horst Arloth, der ihn mit den Untiefen der Lithografie vertraut macht. In den Jahren 1979 bis '91 war Hubertus Giebe zunächst Assistent, später Dozent und zuletzt Prorektor der Dresdner Kunsthochschule, bevor er 1991 zunehmend resigniert sein Amt und seinen Lehrauftrag aufgab, um sich wieder ganz der Malerei und Grafik zu widmen.

Einzelausstellungen in namhaften Museen und Galerien Deutschlands und weltweit, aber wohl spätestens seine Einzelausstellung „Geschichtsbilder" auf der 44. Biennale in Venedig 1990 haben Kunst und Meisterschaft von Hubertus Giebe weit über nationale Grenzen hinaus bekannt gemacht. Seine Arbeiten befinden sich in großen Sammlungen und Museen Deutschlands, Englands und der Vereinigten Staaten. Besonders hervorzuheben und Ausweis seiner inzwischen unstrittigen nationalen Wertschätzung ist dabei die Aufnahme des großformatigen Gemäldes „Der Widerstand - für Peter Weiss" von 1986 in die ständige Ausstellung „XX. Jahrhundert" der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Im Jahr 2007 erhielt Hubertus Giebe den ehrenvollen Wilhelm-Morgner-Preis der Stadt Soest.

Jemand, der sich wie Hubertus Giebe in einer großen malerischen Tradition sieht, den der Umgang mit Malerei ein Leben lang fasziniert und beschäftigt hat, bezieht in seinen Bildern Stellung. Er trägt seine inneren Kämpfe auf der Leinwand aus. Giebes Malerei will nicht der Welt Abbild oder Vorbild sein, sondern führt dem Betrachter einen Spiegel des Sinnes vor Augen. Giebe versteht das Bild als ein Medium, durch das Tabuisiertes, Verschwiegenes und Vergessenes aufzuzeigen ist. Seine persönlichen Leiderfahrungen in der DDR-Kultur fließen in seine Malerei ebenso ein, wie durch Literatur, Geschichte und Philosophie überlieferte Inhalte. Hubertus Giebe ist ein überaus interessierter und für mich beeindruckend belesener Mensch, ein intellektueller Maler, der sich zur Geschichte der Deutschen und besonders zur Geschichte des Einzelnen in den Labyrinthen der Macht künstlerisch hingezogen fühlt.

Exemplarisch für dieses Arbeiten sind Giebes Radierungen zur „Blechtrommel" von Günter Grass, die am Beginn seiner großen grafischen Zyklen wie auch am Beginn unserer Ausstellung stehen. Als Hubertus Giebe über Werner Schmidt, den damaligen Direktor des hiesigen Kupferstichkabinetts, Günter Grass kennenlernte, führte ihn diese Begegnung zu einer Jahre andauernden eingehenden Beschäftigung mit der „Blechtrommel". 1980 begann Giebe mit Zeichnungen und Druckgrafiken zum Stoff. Zwei Jahre später entstand die erste Folge. Günter Grass war von dem so Entstandenen derart beeindruckt, dass er 1987 vorschlug, eine von Hubertus Giebe illustrierte Ausgabe des Romans zu machen. Giebe und der Verlag stimmten zu und innerhalb eines Jahres entstand ein groß angelegter Radier-Zyklus, 50 Radierungen, viele als Doppelseiten, die das Literarische in eine eigene künstlerische Sprache umsetzen. Der Zusammenbruch der DDR und große Schwierigkeiten des Verlages Volk und Welt brachten das Projekt in Gefahr, doch 1991 erschien dann diese bemerkenswerte limitierte Ausgabe der „Blechtrommel". Ein Exemplar werden Sie sich hier in unserer Ausstellung ansehen können.

Die „Blechtrommel"-Radierungen fanden sowohl im Westen als auch im Osten großen Anklang. Sie wurden vom Schriftsteller und Kunsthistoriker Dieter Hoffmann 1997 anlässlich einer Ausstellung in der Akademie der Wissenschaften und Literatur als ebenbürtig mit der Dichtung angesehen; kein anderer Maler habe Grass je besser zu interpretieren gewußt.

Am Ende der ersten Folge steht das „Große Schlußblatt", das Hubertus Giebe viel Bewunderung eingetragen hat. Ein aus dem Dunkel des Bildgrundes drängendes Gewirr von Leibern ergießt sich in einen Krater der Verwüstung. Dieser Menschenstrom wird flankiert von verschiedenen Figuren, die stellvertretend für die Schrecken des Krieges stehen können. Dieses Blatt, in kontrastreichem Hell-Dunkel angelegt, birgt eine enorme Eindringlichkeit. Lediglich zwei Mal hat Giebe das „Große Schlußblatt" koloriert. Das eine dieser beiden grandiosen Blätter schenkte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder seinem Freund Günter Grass zum 75. Geburtstag. Das zweite dürfen wir hier als Hauptblatt in unserer Ausstellung zeigen, wofür wir uns dem Künstler natürlich besonders verbunden fühlen.

In seinen Geschichtsbildern zeigt Hubertus Giebe ausdrucksstark und scharf akzentuierend die Aktualität von Geschichte auf. Dabei behandelt er historische Themen mit starker persönlicher Anteilnahme. Nicht selten meint man, ihn selbst schmerzhaft involviert inmitten den von ihm gemalten Schrecknissen zu sehen. Überhaupt sucht und findet er im historischen Phänomen immer den Menschen, ausgesetzt und ausgeliefert, eingepfercht in bedrückend knappe Spielräume. Unerschrocken schaut der Maler in die menschlichen Seelenabgründe und gibt das dort Gesehene in metaphorischen Bildern wieder, die uns doch, trotzdem sie uns schaudern machen, vertraut erscheinen. Dabei ist es nicht allein das Inventar einer traditionsreichen sowohl literarischen als auch bildnerischen Symbolik, das uns bekannt vorkommt. Es sind die Monstren und Geschöpfe unserer eigenen Alpträume, es sind unsere eigenen Ängste und Schreckbilder, die uns auf seinen Bildern wiederbegegnen.

Dies wird auch im zweiten Teil unserer Ausstellung deutlich, in dem Giebes Lithografien im Zentrum stehen. Die Figur des Oskar Matzerath aus der „Blechtrommel" ist hier zum „Zwerg" mutiert und kann als groteske Metapher des selbstgerechten Biedermannes verstanden werden. Die Puppe taucht in Giebes Motivwelt auf, füllt seine Räume mit ihrem leblosen Körper, einem Zustand entleerter Bedrückung. Zu den stigmatisierten Puppen treten weibliche Akte, die Genuss zu versprechen scheinen, dabei unmerklich zur Metapher der Vergänglichkeit werden. Daneben tritt ein weiblicher Engel, der über der Glaskuppel der Dresdner Kunstakademie balanciert. Diese Nike wird zum einem Zeichen, zum sinnbildhaften Signum von Grazie, weiblicher Grazie oder im Sinne der Romantik zum Todesengel und sie geistert fortan durch seine Werke. Giebe wird in diesen Bildern zum Regisseur, der seine Akteure aufruft und in Räume zwingt. Hineingedrängt sind die Figuren, wie eingefroren ihr rätselhaftes Tun oder von einer sonderbaren Lethargie befallen.

Schließlich sitzt der Künstler in der Farblithografie „Der Maler" von 2003 maskiert inmitten zeichenhafter Motive: Rad, Sonne, Mond, Sichel und puppenhafter Akt. Der Maler, zum Zwerg geschrumpft, ist selbst zur Kunstfigur geworden. Eine flächig stilisierte Maske - geteilt in schwarz und weiß - bedeckt den Kopf wie ein Helm, über der Brust erscheint ein Harnisch, der in einer Art Selbstoffenbarung das Innere, das Skelett offenlegt. Das, was schützt, erzählt von Verletzbarkeit.

Anja Himmel
(Auszug aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung am 23. Januar 2009)  
 

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