Herta Günther - C`est la vie | Ausstellung | Galerie Himmel

Herta Günther – C’est la vie

Ausstellung  |  11. Mai – 17. August 2019

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Laudatio

Liebe Günther-Gemeinde und Günther-Freunde! Verehrte Günther-Galeristen Anja Himmel und Michael Böhlitz! Sehr geehrte Damen und Herren!

Eigentlich müßten mir vis - à - vis zwei leere Stühle stehen …

Wie über Eine sprechen, die nicht da ist? Zumal es sonst heißt, über Abwesende sollte nicht gesprochen werden, nicht hinterm Rücken, schon gar nicht hinterrücks. Wie über Herta Günther sprechen, die nicht hier ist? Zwiesprache mit ihren Bildern halten, mit den wartenden, traurigen, einsamen, schwermütigen Damen. Reden mit Dörthe, Eulalie, Josephine, Mona und Paula. Oder ihnen als Stehgeiger ein Ständchen bringen, ihnen einen ausgeben, ihre Schönheit preisen. Wie sprechen, wenn statt der Malerin ihre Bilder alles sagen? Wozu noch groß Worte verlieren, wenn das Bildhafte groß genug ist? Warum klüger sein wollen, als das von ihr Gemalte oder die von ihr Gemalten. Erneut biographische Daten repetieren? Ihre Lehrer benennen? Ja, sie hatte Lehrer, aber mehr als diese hat sie das Leben studiert. Den Weg nach Bitterfeld ist sie allerdings nicht gegangen. Ihr Realismus war nicht, wie lange Zeit gewünscht, sozialistisch verbrämt. Ihr Realismus war vielleicht ein sozialer, wenn sie sich an Ränder und in Nischen dachte, in Kneipen, Bars, Cafés, Absteigen, wo sie ihre Damen wie exotische Vögel platzierte.

Was sprechen, wenn die Angesprochene nicht hier ist? Wieder einmal die Stille ihrer Lebensbilder zerreden, diese Stillleben, jene Ruhe des Flusses am Morgen, die Mole am alten Hafen im Winter, die ganz spezielle Biegung der Elbe bei Pieschen. Zum wieder-holten Male verraten, daß die Männer in den Bildern zuweilen Jürgen, dem Mann der Malerin ähnlich sehen, mit seinem ein wenig gebeugten Rücken und der dunklen Baskenmütze auf dem Kopf; als Angler zum Beispiel oder Kneipenbesucher oder einfach nur als Passant. Oder noch einmal die von ihr kreierten Hutmoden bewundern, die dick aufgetragene Schminke, das raffinierte Make-up, die aufreizenden Lippen. Anregungen für Visagistinnen und Putzmacherinnen. Die Vielfalt der Nasenformen und die Untiefen der Dekolletees diskutieren, oder die der AugenBlicke, mal gesenkt, mal Schlafzimmer, mal provokant direkt.

Wie reden über Eine, die nicht da ist? Schon in den späten 1970er Jahren wollte ich sie sprechen, wollte die Malerin in ihrem Atelier besuchen, traute mich aber nicht. Irgendwann griff ich zum 1976er „Fernsprechbuch der Deutschen Post, Bezirk Dresden“, um vielleicht damit einen Anfang zu machen. „Günther Herta Dipl.-Grafikerin“, las ich dort auf Seite 110. „801 Kurt-Schlosser-Str. 5“. Bergsteigerchor, dachte ich, was natürlich in eine völlig falsche Richtung ging, weil das nichts, überhaupt nichts mit Herta Günther zu tun hatte. Telefon: 49 13 26. Aber ich traute mich nicht. Stattdessen schrieb ich ihr ein Gedicht. In vielerlei Fassungen blieb es fragmentarisch und unveröffentlicht.

Alles Bilder

Sitzen drei am Tisch
im Café Günther
ist das Tischtuch weißer
als alles sonst im Winter
nur der vierte Stuhl
steht schwarz und leer

Die sechs Augen der drei Damen
sehen gleich geradeaus
Die drei Nasen dieser Damen
Punkt Punkt Komma Strich
die drei Münder auch

Sitzen drei am Tisch
den ganzen Abend
finden kalten Kaffee gar nicht labend
fallen schließlich aus dem Rahmen
prellen Zeche stehen auf
gehen Arm in Arm nach Haus

Was für ein armseliges Gedicht, der mißlungene Versuch einem Bild von Herta Günther gerecht zu werden, das sie „Drei am Tisch“ genannt hat. Als sich Malerin und Dichter doch noch kennenlernten, gab ich ihr das inzwischen in die Jahre gekommene Gedicht. Ich mußte es ihr sogar vorlesen. Erst hat sie geschmunzelt, dann „Ach, ja“ geseufzt. Schließlich aber, als sie nicht mehr da war, fand ich ein Gedicht, das ihren Bildern wirklich gerecht wird. Geschrieben hat es Rajzel Zychlinski, eine polnisch- und vor allem jiddischsprachige Dichterin, geboren 1910 in Gąbin, nördlich von Warschau in der Woiwodschaft Masowien, gestorben 2001 in Concord/Kalifornien. Übertragen wurde das Gedicht von Hubert Witt.

Einsame Frauen

Mit gefärbten Köpfen sitzen sie in Cafés,
die Blicke zu gläsernen Türen gewendet,
einsame Frauen, Witwen, allein geblieben.
Die Versicherungs-Policen für ihre verstorbenen Männer
haben sie lange schon einkassiert.
Auf ihren faltigen Hälsen
verlöscht das Geschmeide,
trauert und friert.
Lange Stunden sitzen sie an den Tischen,
reden übers Wetter,
Kleider,
über Enkel.
Die Perlen verblassen in ihren welken Ohren.
Die nackten Jahreszeiten
gehen an den gläsernen Türen vorbei -
blattlos, schneelos.


Wie reden über Eine, die nicht unter uns, uns aber womöglich über ist? Plötzlich: „Siebzig verweht“, auch Achtzig vergeht. Häufig jetzt Lebensresümee. Etliche Sammler, eine treue „Gemeinde“, ein paar Freunde. Das ja. Aber auch ein bißchen Bitternis. Ein wenig müde. Da ist das gewachsene Werk, das verehrt wird. Dort die nicht gleichermaßen mitgewachsene Ehrung. Die Prophetin gilt nirgends weniger als in ihrer Vaterstadt. Akademie der Künste oder Dresdner Kunstpreis? Personalausstellung in Städtischer Galerie oder Albertinum? Pustekuchen. Es sind Chemnitz und Freital und vor allem die kleinen, zumeist privat geführten Galerien, die ihr so etwas wie Heimat geben.

Einmal besuche ich Herta Günther zusammen mit Freund Werner Kohlert im Pflegeheim. Als wir das Zimmer betreten, kaum daß sie unser ansichtig wird, wirft sie die Arme in die Höhe und ruft: „Endlich mal zwei Menschen!“ Von ihr als „Mensch“ erkannt, zum „Menschen“ ernannt zu werden, ehrt mich bis heute.

Gewiß ist sie hier irgendwo, sieht uns zu, lauscht, skizziert im Kopf unsere illustre Gesellschaft. Ja, irgendwo hier muß sie sein. Wenigstens in ihren Bildern.
Und doch: Eigentlich müßten hier zwei leere Stühle stehen …
… für Herta und Jürgen Günther.

Michael Wüstefeld, Laudatio zur Austellungseröffnung am 10. Mai 2019

Galerie Himmel

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