Teaser Hermann Naumann

Hermann Naumann - Malerei und Plastik
der frühen Jahre 

Ausstellung | 19. Januar - 23. Februar 2013

Einführung  

Hermann Naumann wird 1930 in Kötzschenbroda geboren. Früh zeigt sich seine Begabung für plastisches Empfinden, für die Entwicklung des Körpers im Raum. Er begeistert sich für Barlach, Lehmbruck und Kolbe, möchte später einmal Bildhauer und Maler werden. 1946, nach dem Ende des Krieges, hält der Gymnasiast einen dünnen Katalog in den Händen: Aquarelle von Karl Schmidt-Rottluff. Unter dem Eindruck dieser Bilder beginnt er zu malen, fängt eine Ausbildung als Bildhauer an, lernt die Grundlagen bei Burkhart Ebe-Kleinecke. Ein Studium an der Dresdner Akademie scheint möglich, Wilhelm Rudolph erklärt sich zur Annahme bereit. Naumann absolviert die Aufnahme-prüfung, doch werden zunächst Heimkehrer bevorzugt.

Daraufhin beginnt der Ungeduldige ein dreijähriges Werkstattstudium bei Herbert Volwahsen im Künstlerhaus Dresden-Loschwitz. Die unakademische und bisweilen wohl auch harte Lehre bereitet einer besonderen Künstlergenese den Boden. Alles was außerhalb der rein bildhauerischen Lehre liegt, ist Naumann gezwungen, sich selbst zu erarbeiten. Hier liegt der Grundstein für die autodidaktische Aneignung künstlerischer Techniken und das immerzu weiter drängende Experimentieren in ihnen.1950 verlässt der 20jährige seinen Lehrer, bewirbt sich beim Verband der Bildenden Künstler und wird als jüngster Bildhauer aufgenommen. Er bezieht ein eigenes Atelier im Künstlerhaus. Wie mit einem Schlag ist die ganze Bandbreite seines Ausdrucksvermögens, sind die wesent-lichen Momente seiner Kunst da – der ganze Hermann Naumann. Neben naturalistischen Plastiken entstehen erste abstrakte Bilder, die fruchtbare Auseinandersetzung mit der Druckgrafik beginnt.

In der Druckgrafik eignet er sich verschiedenste Techniken an, experimentiert, entdeckt alte, nicht mehr gepflegte Techniken für sich neu. Die Schubfächer seiner Grafikschränke in Dittersbach sind ein Paradies für Grafikliebhaber. Man feiert, Stöße von Drucken und Abzügen aus allen Schaffensphasen durchstreifend, das Ausloten vertraut geglaubter Techniken, die Wiederentdeckung des Punzenstichs und des Cliche verre, die Versuche, im Stein zu punktieren oder den Holzschnitt durch eingestanzte Lichter abzuwandeln.
Überhaupt scheint Hermann Naumann sich künstlerisch wenig versagt zu haben. Seine Bilder sind immer auch Erkundungen im Reich des Möglichen. Der kaum gebremsten Variationslust in den Techniken und Genres entspricht die formale Behandlung seiner Bildwelten. Weit spannt sich der Bogen zwischen teils realistisch-expressiven, teils surrealen, oft aber auch abstrakten Bildfindungen. Tektonischen Bildarchitekturen von konstruktiver Strenge stehen biomorph anmutende biegsam-geschmeidige Kompositionen gegenüber.

Die Ursache für diese Polyphonie, dieses Offenhalten der Form ist in seiner universellen Begabung zu suchen. Dem, dessen Formgewalt sich in allen Gattungen ungezwungen manifestiert, dessen Virtuosität sich jeder Technik bemächtigt, ist die Selbstunterwerfung unter eine forcierte Stilisierung zu ferner liegenden Zwecken nur unnötige Reduktion seiner Mittel. Einen solchen Handel ging Hermann Naumann nicht ein, denn er lebt im Vertrauen auf seine schöpferischen Kräfte und deren zwingende Eloquenz – und dies auch dann noch, als die politischen Entwicklungen diese grandiose Erwartung konterkarierten.Diese künstlerische Freiheit – das muss für eine angemessene Beurteilung ins Gedächtnis gerufen werden – war einer Zeit der Formalismusdebatten und Realismus-doktrinen regelrecht abzuringen, war gegen Versuche der Einschüchterung immer wieder zu behaupten. Bald schon erwiesen sich die nonkonformen Neigungen Hermann Naumanns als hohes persönliches Risiko. Anfängliche Avancen zur staatlichen Förderung des jungen Künstlers wichen nach seiner beharrlichen Weigerung, sich im Sinne der offiziellen Kulturpolitik zu beugen, zunehmend systematischer Benachteiligung und Ausgrenzung.

Traurige Höhepunkte dieser Entwicklung waren die Schließungen wichtiger Personal-ausstellungen. 1959 entzog Naumann seine Werke einer drohenden Konfiszierung im Lindenau-Museum in Altenburg, indem er sie dort selbst Hals-über-Kopf abhing und zu sich holte. In den sich daraus entwickelnden Querelen mit den Hütern einer staatstreuen Kunstdoktrin entging er nur knapp und glücklich dem Ausschluss aus dem Verband, der seine künstlerische Existenz grundsätzlich in Frage gestellt hätte. 1966 wurde eine Ausstellung im Schloss Moritzburg wegen „Staatsgefährdung und Unsittlichkeit" von Staats wegen geschlossen. In Moritzburg wurden graphische Blätter zu Franz Kafka und Henry Miller sowie Aquarelle gezeigt. Besonderen Unmut erregte dabei auch das groß angelegte erotische Blatt „Königin von Saba“ – eine Punktlithografie, die in aufwändigster Technik Punkt für Punkt in Feder gearbeitet ist. Otto Dix, mit dem Hermann Naumann seit 1962 eine enge Freundschaft verband, schrieb anlässlich der Zwangsschließung 1966 empört einen Brief an Walter Münchenhagen, damals Sekretär der SED-Kreisleitung Dresden-Land und stellvertretender Vorsitzender des Rates des Bezirks:

„Sehr geehrter Herr Münchenhagen!
Wie ich höre, haben Sie eine Ausstellung von Hermann Naumann in Moritzburg abgehängt, weil sie angeblich unsittlich und den Staat gefährdend sei. Es sind dies die gleichen Vorwürfe, die die Nazis gegen mein Werk erhoben haben und die meine Entlassung von der Akademie bewirkten. Ich kenne das Werk von Naumann gut und auch die dort ausgestellten Blätter. Einige, wie die als unsittlich beanstandete Königin von Saba sind sogar in meinem Besitz. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe halte ich für völlig ungerechtfertigt. Naumann ist ein sehr begabter, außerordentlich vielseitiger und fleißiger junger Künstler. Die von ihm unter anderem erfolgreich geübte Technik des Puntzens, wie sie die alten Meister betrieben, ist heute einmalig. Ich finde es bedauerlich, dass das Werk von Naumann, das jede Förderung verdient, durch solche Maßnahmen beeinträchtigt und er selbst in seinem Schaffen beunruhigt wird. Ich hoffe, dass die Maßnahme der Schließung der Ausstellung rückgängig gemacht wird. Da mich die Angelegenheit sehr bewegt, wäre ich Ihnen verbunden, wenn Sie mir eine Nachricht zukommen ließen.
Hochachtungsvoll Otto Dix“

Der fast 40 Jahre ältere Otto Dix war für den jungen Hermann Naumann Freund und Partner in der Auseinandersetzung um künstlerische Schaffensfragen und zugleich gewissermaßen ein Mäzen, denn er schickte ihm regelmäßig gute Farben, die in der DDR so nicht zu haben waren. Darunter waren auch Ölfarben, die das einzigartig leuchtende Kolorit seiner Ölgemälde kennzeichnen. Dabei musste Dix anlässlich eines Besuchs in Naumanns Atelier sowohl ein wenig amüsiert als auch wohl etwas schockiert sehen, wie der Jüngere die teuren Farben scheinbar unbekümmert dick und in großzügiger Spachteltechnik auftrug. Angesichts dieser unsagbaren Verschwendung ist die Widmung auf der hier mit ausgestellten späten Lithografie einer „Hekate“, die Otto Dix 1968 Hermann Naumann zum Geschenk machte, besonders zu würdigen; bzw. bezeugt sie die tiefe persönliche Bindung zwischen beiden Künstlern:

„Für Hermann Naumann in menschlicher und künstlerischer Verehrung“.

Hermann Naumanns internationaler Ruf liegt in seinen überragenden Leistungen als Grafiker und Illustrator begründet. Hier ist ihm immer wieder Großartiges gelungen, weil seine Illustrationen nie anekdotisch abschildern, sondern poetische Parallelschöpfungen darstellen, die das literarische Werk individuell deuten. In den Aquarellen wirkt der Expressionismus der Brücke nach, leuchten Farbwelten eines späten Kirchner, Anklänge an Noldes mystischen Kolorismus auf. Leuchtende Farbtöne werden von nachtschwarzen Konturen gerahmt. Stärker abstrahierende Blätter nähern sich dem Blauen Reiter, provozieren Vergleiche mit Klee oder Kandinsky. Doch bleibt in all dem immer der Bildhauer sichtbar. Nicht von ungefähr dominieren hochformatige Bildflächen, zerteilt in Spannungsfelder, die er schichtet, aufeinander stapelt, gruppiert und ausbalanciert. Die einzelnen Farbsegmente werden oftmals in Spachteltechnik, in reinen ungemischten Tönen aneinandergesetzt, bis sie im Sinne einer regelrechten Bildtektonik etwas Gebautes ergeben.

Nach dem Regen | Ausstellung | Galerie Himmel

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Vernissage

Freitag, 18. August 2017, 19 Uhr
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