Hermann Naumann, Oberloschwitz, 1993, Öl auf Leinwand

Oberloschwitz ∙ 1993 ∙ Öl auf Leinwand

Hermann Naumann, Sommerlandschaft, 1994, Öl auf Leinwand

Sommerlandschaft ∙ 1994 ∙ Öl auf Leinwand   

Hermann Naumann, Pfingstrosen, 2000, Öl auf Hartfaser

Pfingstrosen ∙ 2000 ∙ Öl auf Hartfaser   

Hermann Naumann, Madonna, 2001; Aquarell

Madonna ∙ 2001 ∙ Aquarell

Hermann Naumann, Frühlingssinfonie, Aquarell, 2003, 76 x 54,5 cm

Hermann Naumann - zum 80. Geburtstag 

Ausstellung | 6. März - 24. April 2010 

Einführung 

Am 14. Februar 1930 wird Hermann Naumann in Kötzschenbroda geboren. Die Eltern betreiben eine Wäscherei in der Weberstrasse in Radebeul. Schräg gegenüber wohnen die Töchter des Kinderbuchillustratoren Oscar Pletsch. Nach diesem und dessen Lehrer Adrian Ludwig Richter beginnt der 6jährige Hermann zu kopieren. Das Interesse seines älteren Bruders Ernst für plastische Kunst überträgt sich auf ihn. Früh entwickelt sich eine besondere Begabung für plastisches Empfinden, für die Entwicklung des Körpers im Raum. Er begeistert sich für Ernst Barlach, Wilhelm Lehmbruck und Georg Kolbe, später möchte er einmal Bildhauer und Maler werden. 

Und dann, 1946, nach dem selbst erlebten Untergang Dresdens und dem Ende des Krieges, hält der Gymnasiast einen schmalen Katalog in den Händen: Aquarelle von Karl Schmidt-Rottluff im Schlossbergmuseum Chemnitz. Unter dem Eindruck dieser Bilder beginnt er zu malen, fängt eine Ausbildung als Bildhauer an und lernt die Grundlagen bei Burkhart Ebe-Kleinecke. Ein Studium an der Dresdner Akademie scheint möglich. Wilhelm Rudolph erklärt sich zur Annahme bereit, Naumann absolviert die Aufnahmeprüfung, bis ihm Hans Grundig erklärt, dass man zunächst Heimkehrer bevorzugen müsse. Daraufhin folgt der Ungeduldige einem Rat von Ebe-Kleinecke und beginnt ein dreijähriges Werkstattstudium bei Herbert Volwahsen im Künstlerhaus Dresden-Loschwitz.

Die unakademische, etwas zunftmäßig-traditionelle und bisweilen wohl auch harte Lehre im Bildhauer-Atelier bildet wesentliche Vorraussetzungen für eine einzigartige Künstlergenese. Alles was außerhalb der rein bildhauerischen Lehre liegt, ist Naumann gezwungen sich selbst zu erarbeiten. Hier ist der Grundstein gelegt für die autodidaktische Aneignung vielfältiger künstlerischer Techniken und das immerzu weiter drängende Experimentieren in allen verfügbaren Bildgattungen. Und - kaum geringer zu schätzen - Volwahsen gewährt auch die nötige Freiheit. Anlässlich der Einweihung eines Denkmals in Halle kommt der Lehrmeister mit den vom Bauhaus tradierten Lehrmethoden an der Burg Giebichenstein in Berührung. Hermann Naumann zeigt sich als dankbares Versuchsobjekt, variiert mit einfachen geometrischen Grundformen, um diese dann ins Natursehen zu integrieren. Überdies erweist sich Volwahsen's Bibliothek als Fundgrube für den wissbegierigen jungen Mann. So erschließt ihm der letzte Band der Propyläen Kunstgeschichte einen brauchbaren Überblick über die klassische Moderne. Archipenko, Belling und Gerhard Marcks treten ihm entgegen, aber auch Bilder von Paul Klee und Wassily Kandinsky. 

Das Jahr 1950 ist ein Meilenstein. Der 20jährige verlässt das Atelier des Lehrers, bewirbt sich beim Verband der Bildenden Künstler und wird als jüngster Bildhauer aufgenommen. Er heiratet und bezieht ein Atelier im Künstlerhaus in Dresden-Loschwitz, wo außer Volwahsen auch Otto Schubert und Hans Jüchser arbeiten. Und wie mit einem Schlag ist die ganze Bandbreite seines Ausdrucksvermögens, sind die wesentlichen Momente seiner Kunst präsent. Die plötzlich erlangte Selbstständigkeit kommt offenbar einer Befreiung gleich, entfesselt ein schöpferisches Potential und eine Phantasiebegabung, die sich zugleich in mehreren Richtungen Bahn bricht. Das Spektrum weitet sich und dem weiter wachsenden plastischen Werk gesellen sich Versuche in Malerei, Zeichnung und immer stärker auch in Druckgrafik hinzu. So entstehen neben freien Kompositionen auch erste Illustrationen, wie diejenigen zu Dostojewski, dann zu Franz Kafka oder zu Don Quijote. 

Kaum später setzt 1952 auch das jüdische Thema ein. Ohne seine tiefe Beziehung zum Judentum und zur jiddischen Literatur wird man Hermann Naumann weder als Mensch noch als Künstler verstehen können. Vom humanistisch gesinnten Elternhaus zu Achtung und bisweilen auch Schutz jüdischen Lebens und jüdischer Kultur erzogen, reizt ihn das Thema unwillkürlich in seiner vertrauten Fremdartigkeit und wird zu einer wichtigen Konstante in seinem jahrzehntelangen Schaffen. 

In der Druckgrafik wiederum eignet er sich die gegensätzlichsten Techniken an: Kaltnadelradierung und Punzenstich, Holzschnitt und Lithografie. Er experimentiert und entwickelt eigene Technikvariationen, entdeckt alte, nicht mehr gepflegte Techniken für sich, um sein Ausdruckswollen darin zu erproben. Seine Wiederbelebung des Punzenstichs in den 1950er Jahren ist geradezu legendär. Und die Schubfächer seiner Grafikschränke in Dittersbach sind ein wahres Paradies für Grafikliebhaber. Man feiert, die Stöße an Büttenpapieren und Abzügen aus allen Schaffensphasen durchstreifend, das Ausloten vertraut geglaubter Techniken bis ins Extreme hinein, die souveräne Handhabung von Kaltnadel und Punzeisen, die meisterhaft ausbalancierten Tonwerte in der Lithografie, die Versuche, im Stein zu punktieren oder den Holzschnitt durch eingestanzte Lichter abzuwandeln. Druckgrafik von Hermann Naumann zeichnet sich nicht selten durch das Aufbrechen drucktechnischer Widerstände aus - nicht etwa zugunsten einer leeren Artistik, sondern um Technik und Material der eigenen Formauffassung dienstbar zu machen. 

Überhaupt scheint Hermann Naumann sich künstlerisch wenig versagt zu haben. Und so sind seine Bilder immer auch Erkundungen im Reich des Möglichen. Vielleicht ist ihm deshalb als Illustrator in atemberaubender Dichte und Vielfalt immer wieder Großartiges gelungen, weil er sich eben nicht auf einen leicht handhabbaren Personalstil festlegte und sich dadurch über Jahrzehnte Freiheiten bewahrte, die jene bewundernswerte Durchdringung von schriftstellerischem und bildnerischem Geist erst ermöglichten. Seine Illustrationen sind - und das hebt sie weit aus der Menge der künstlerischen Alltagsproduktion heraus - keine illustrativ-anekdotische Abschilderungen, sondern poetische Parallelschöpfungen, in denen das literarische Werk tatsächlich gelesen und in der Tiefe des individuellen Geistes verstanden erscheint. 

Der kaum gebremsten Variationslust in den verschiedenen Techniken und Genres entspricht auch die formale Behandlung seiner Bildwelten. Besonders in der Malerei spannt sich der Bogen weit zwischen teils realistisch-expressiven, teils surrealen, oft aber auch abstrakten Bildfindungen. Tektonischen Bildarchitekturen von konstruktiver Strenge stehen biomorph anmutende biegsam-geschmeidige Farbkompositionen gegenüber. 

Heiner Protzmann, dem wir eine der verständigsten formalästhetischen Analysen der Malerei Hermann Naumann's verdanken, hat dieses Offenhalten der Form einmal charakterisiert, indem er ihn als einen Bildregisseur beschrieb, der zugleich mehrere Handschriften in Stilregistern bereithalte, die er nach Maßgabe der Gattung, in der er gerade arbeitet, wähle. Eine Ursache dieser stilistischen Polyphonie liegt wohl in der universellen Begabung begründet. Demjenigen, dessen Formgewalt sich in jeder auch nur am Rande gestreiften Bildgattung selbstständig manifestiert, der jede sich angeeignete Technik mit Virtuosität bemeistert, ist die Selbstunterwerfung unter eine forcierte Stilisierung nur unnötige Beschränkung seiner künstlerischen Mittel. Solchen Handel geht das universell begabte Genie selten ein, denn es lebt ganz im Vertrauen auf seine schöpferischen Kräfte und deren zwingende Eloquenz - und dies auch dann noch, wenn Kulturpolitik oder Kunstmarkt diese Erwartungshaltung konterkarieren. 

Diese Freiheit war aber einer Zeit der Formalismusdebatten und Realismusdoktrinen regelrecht abzuringen, war gegen Versuche der Einschüchterung und Manipulation immer wieder zu behaupten. Schnell erwiesen sich die nonkonformen Neigungen Hermann Naumanns als hohes persönliches Risiko. Anfängliche Avancen zur staatlichen Förderung des jungen Künstlers wichen nach seiner beharrlichen Weigerung, sich im Sinne der offiziellen Kulturpolitik zu entwickeln, zunehmend systematischer Benachteiligung und Ausgrenzung. Traurige Höhepunkte dieser Entwicklung waren die Schließungen wichtiger Personalausstellungen, 1959 im Lindenau-Museum in Altenburg, 1966 im Schloss Moritzburg wegen „Staatsgefährdung und Unsittlichkeit". Glücklich, dass der drohende Ausschluss aus dem Verband und die damit einhergehende Gefährdung der künstlerischen Existenz noch abgewendet werden konnte. 

In der Malerei pflegt Naumann eine nicht allzu eng aufgefasste expressive Abstraktion, zwischen den Polen des rein Abstrakten und des Expressiven gleichsam pendelnd. Sowohl die realistisch-figürlichen als auch die konstruktiven Bilder sind durch spannungsgeladene Flächenkompositionen und eine vitale und unverbrauchte Farbpalette gekennzeichnet. 

In den Aquarellen wirkt der Expressionismus der Brücke nach, leuchten Farbwelten eines späten Ernst Ludwig Kirchner, Anklänge an Noldes mystischen Kolorismus auf. Hart stehen Farbtöne nebeneinander, von nachtschwarzen Teilungen konturiert. In den stärker abstrahierenden Aquarellen nähert sich Hermann Naumann dann wieder seinen Vorbildern des Blauen Reiter, provoziert Vergleiche mit August Macke, Franz Marc oder Wassily Kandinsky. 

Und auch darin ist Heiner Protzmann zuzustimmen: In den Grafiken, Aquarellen und Gemälden ist und bleibt der Bildhauer am Werk. Man müsste noch genauer sein und sagen: der Plastiker. Denn wir können zurückgehen bis ins Atelier von Volwahsen, wo der junge Naumann die Form nicht durch Wegnahme und Reduktion gewinnt, sondern durch extensives Aufbauen und Zusammensetzen des plastischen Körpers in den Raum hinein. Damit ist der Kern einer künstlerischen Natur beschrieben. Nicht von ungefähr dominieren hochformatige Bildflächen, zerteilt in Spannungsfelder, die er schichtet, aufeinander stapelt, zueinander gruppiert und ausbalanciert. Farbsegmente werden als nahezu körperhafte reliefartige Elemente gespachtelt, in oftmals reinen ungemischten Tönen aneinandergesetzt, bis sie im Sinne einer regelrechten Bildtektonik etwas Gebautes ergeben. 

Hermann Naumann ist einer der letzten Vertreter einer Generation, die eine grundtiefe Bindung zur klassischen Moderne im Herzen tragen. Im Grunde ist er einer von ihnen. Und sowenig er sich sicher als einen zu spät Geborenen verstehen kann, so sehr drängt sich doch bei Betrachtung seines künstlerischen Schaffens der Gedanke auf, dass hier noch einmal die Errungenschaften der Wegbereiter von der Brücke über den Blauen Reiter bis hin zu den russischen Suprematisten durchdekliniert werden. So kam es durchaus nicht von ungefähr, dass sich der 32jährige 1962 so ausgesprochen gut mit dem fast 40 Jahre Älteren Otto Dix verstand, dass sich daraus über dessen letzte Jahre eine feste Freundschaft entspann, begleitet von einer intensiven brieflichen Korrespondenz. 

Vor genau 60 Jahren setzte das Schaffen Hermann Naumanns als freier Künstler ein und seitdem ist ein derart umfangreiches Werk gewachsen, das sich bisher aufgrund einer nachgerade unglaublichen Produktivität jedem Versuch einer Gesamtdarstellung entzog. Die im Rückblick langsam deutlicher werdenden Konturen dieses Gesamtwerks umschreiben ein schwer überschaubares Terrain bildkünstlerischen Schaffens, das ausreichend Raum bietet für mehrere Künstlerleben. Hier hinein Schneisen zu schlagen und Querschnitte anzulegen und damit sowohl etwas vom Ganzen als auch vom Kern dieses Künstlertums sichtbar zu machen, möchte die als Geburtstagsgeschenk gedachte Ausstellung der Kunsthandlung Koenitz leisten. 

Michael Böhlitz

Bertram Kober - Carrara und Sacri Monti | Ausstellung | Galerie Himmel

Aktuelle Ausstellung

Bertram Kober - Carrara & Sacri Monti. Fotografie
7. Oktober - 18. November 2017

Vernissage

Freitag, 6. Oktober 2017, 19 Uhr
Einführung: T.O. Immisch, Kustos Sammlung Fotografie, Kunst-museum Moritzburg, Halle/Saale

Kunstgespräch
Freitag, 27. Oktober 2017, 19 Uhr
Bertram Kober & Anja Himmel
Rundgang durch die Ausstellung

Einladungen  

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Hermann Naumann, Mystische Vögel, 2003, Kreidezeichnung

Mystische Vögel ∙ 2003 ∙ Kreidezeichnung 

Hermann Naumann, Prophet Jonas auf der Flucht vor Gott, 2006, Tuschzeichnung & Aquarell

Prophet Jonas auf der Flucht vor Gott ∙ 2006 ∙ Tuschzeichnung & Aquarell   

Hermann Naumann, zu Isaak B. Singer - Die kleinen Schuhmacher, 2006, Tuschzeichnung & Aquarell

Zu Isaak B. Singer "Die kleinen Schumacher" ∙ 2006 ∙ Tuschzeichnung & Aquarell  

Hermann Naumann, zu Franz Kafka - Ein Landarzt, 1955, Kaltnadel-Radierung

Zu Franz Kafka "Ein Landarzt" ∙ 1955 ∙ Kaltnadel-Radierung