Gedrucktes - 12 sächsische Künstler  

Ausstellung | 20. November - 31. Januar 2011 

Einführung  

Mit der Ausstellung "Gedrucktes - 12 sächsische Künstler" verabschieden wir uns von unserem alten Standort an der Frauenkirche. Manche werden sich fragen, warum wir zum Abschluss unserer galeristischen Tätigkeit am Neumarkt gerade eine Gruppenausstellung präsentieren. Normalerweise veranstalten Galerien solche „Künstler-aus-unserem-Programm“ oder „Schaufenster“-Ausstellungen eher in den besuchsarmen Sommerferien. Warum also zum Abschluss dieses Sammelsurium an künstlerischen Charakteren, warum gleich ein Duzend sächsische Künstler und vor allem: Warum gerade „Gedrucktes“? 

Die Antwort ist so naheliegend wie schlicht: Die Druckgrafik liegt uns besonders am Herzen. Dabei lässt sich unsere Herkunft nicht ganz verleugnen, denn Martin Koenitz, der Inhaber, hat vor fast 15 Jahren als Grafikhändler begonnen, bevor er in Leipzig und Dresden zwei Galerien ins Leben rief. In der Druckgrafik fühlen wir uns besonders zu Hause. Aber wir sind unabhängig davon auch ehrlich überzeugt, dass die Druckgrafik gerade in Sachsen eine besondere Geschichte hat und nach wie vor einen herausragenden Stellenwert einnimmt - und zwar sowohl in der deutschen Druckgrafik als auch in der sächsischen Kunst. Mit dieser Ausstellung verbinden wir deshalb das Anliegen, das Augenmerk unseres Publikums, einmal mehr darauf zu lenken, dass wir über einen reichen Schatz an Tradition und Aktualität druckgrafischer Produktion verfügen, den es zu bewahren und pflegen gilt.

Es gibt diesen etwas schal wirkenden Spruch „Kunst kommt von Können“, der im Kunstdiskurs selten eine wirklich sinnvolle Ausdeutung erfährt. Richtig verstanden jedoch, hat er zumindest für die Druckgrafik eine gewisse Berechtigung. Denn die druckgrafische Kunst ist zunächst einmal und viel mehr noch als andere künstlerische Medien Handwerk. Das Erlernen und Beherrschen von Technik, das Antizipieren und Vorausdenken technisch bedingter Abläufe, die Erprobung und Beschaffung von geeigneten Materialien und - nicht zuletzt, weil von elementarer Bedeutung - die Verfügbarkeit oder sogar der aufwändige Aufbau und Erhalt von druckgrafischen Werkstätten und ihrem Betrieb. All das spielt für den Grafikkünstler eine außerordentliche Rolle und wirkt sich in besonders starkem Maße auf sein Schaffen aus. 

Sich in einem Labyrinth von materiell-stofflichen Vorgaben und Beschränkungen Chancen und Möglichkeiten zu erschließen, verlangt dem Künstler auf der einen Seite ein besonderes Maß an Ausdauer und Konsequenz ab. Auf der anderen Seite ist jedoch zur Erschließung eines eigenen Weges ein ausgeprägtes spielerisches Moment vonnöten, die Fähigkeit, die Fesseln technischer Machbarkeit durch experimentelle Erprobung und echte Erneuerung zu sprengen.

Druckkunst und Druckgrafik in Sachsen sehen auf eine lange Tradition zurück. Eine der wesentlichen Initialzündungen waren der Buchschmuck und die Buchillustration in der Reformationszeit im 16. Jh. Wittenberg trat mit einer schier überbordenden Produktion von theologischen Schriften und Luther-Bibeln hervor. Zahllose Zeichner und Formschneider waren jahrzehntelang mit der Ausschmückung dieser Bücher beschäftigt, fertigten Holzschnitte für die Titelblätter, Bildnisse, Vignetten und Illustrationen - unter anderem in der Werkstatt von Lucas Cranach dem Älteren und dem Jüngeren. 

Später dann, im 18. Jh., lief die Handels- und Messestadt Leipzig der alten kurfürstlichen Residenz den Rang als Verlagsstandort ab. Namen wie Bernigeroth, Chodowiecki, Roßmäsler und Riepenhausen bürgten im späten Barock und Klassizismus für die hohe Qualität der Buchillustration. 

Parallel dazu hatte sich im Barock im Dunstkreis des Dresdner Hofes die Radierkunst entwickelt - und zwar in direkter Verbindung zur Landschaftsmalerei. Die sächsischen Hofmaler und Schöpfer der besten Landschaftsgemälde Sachsens, Johann Alexander Thiele und Bernardo Bellotto gen. Canaletto, radierten grandios angelegte großformatige Blätter mit Ansichten sächsischer Städte und Landschaften. 

Im späten 18. Jh., dem Zeitalter der Empfindsamkeit, schlossen Adrian Zingg und seine Schule an diese Leistungen an. Sie brachten die hohe Kunst der aquarellierten Umrißradierung - wie sie von Aberli in der Schweiz entwickelt worden war - nach Dresden und verhalfen ihr dort zu einer außerordentlichen Blüte. Die enorme Wertschätzung der Stadt Dresden und der gerade erst entdeckten Sächsischen Schweiz für die wachsende Reiseerinnerungs- und Souvenir-Kultur in der Zeit des Biedermeier taten das ihre dazu. 

Der eigentliche Hort der Landschaftsradierung war im 19. Jh. die Akademie, an der Professoren wie Carl August Richter, Johann Gottlob Hammer und schließlich Adrian Ludwig Richter wirkten. Ihre Schule blieb auch nach der Zeit der Romantik durch spätromantische Strömungen bis ins späte 19. Jh. bestimmend. 

Um die Jahrhundertwende zum 20. Jh. war es dann Max Klinger in Leipzig, der mit seinem druckgrafischen Ouevre geradezu eine Revolutionierung der Radierkunst bewältigte. In einer bis dahin nicht gekannten Weise kombinierte er in seinen Radierungen verschiedene Techniken miteinander und verhalf der modernen Grafik damit zur Befreiung und zum Durchbruch. 

In der Zeit des Expressionismus verliehen die Dresdner Künstler der Brücke - Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff und Pechstein - dem Holzschnitt eine neue elementare Ausdruckskraft, wobei sie sich von den Meistern des spätmittelalterlichen Holzschnitts inspirieren ließen. Aus diesem neuen Kraftquell schöpften in den folgenden Jahrzehnten viele Leistungen der grafischen Kunst in Sachsen. 

In der 2. Hälfte des 20. Jh. kam den Akademien eine zentrale Rolle bei der weiteren Entwicklung der Druckgrafik zu. In Leipzig wie in Dresden sorgten die druckgrafischen Werkstätten in den Schulen nicht nur für eine rein technische Ausbildung, sie hielten das Wissen um die speziellen Geheimnisse einer jeden Technik wach und vermittelten ein gutes Stück Tradition unmittelbar in die Zeit. 

Nicht weniger wichtig waren vor allem in Dresden prägende Leitfiguren wie Otto Dix oder Wilhelm Rudolph, Idole, welche die nachwachsenden Künstlergenerationen immer wieder zur Auseinandersetzung mit der Druckform anregten. Kaum weniger bedeutend aber waren schließlich die Drucker, die häufig als unanfechtbare Institutionen galten, wie Vater und Sohn Erhardt in Dresden, die für Otto Dix und Hans Theo Richter druckten. Oder der vielgerühmte Horst Arloth in Leipzig, der für Gerhard Altenbourg und Bernhard Heisig druckte. Oder auch der inzwischen in die Jahre gekommene und dennoch unermüdliche Steindrucker Christian Müller, der für Größen wie Werner Tübke und Horst Janssen druckte. 

Die 1. Grafikbörse in Leipzig 1973 und die nachfolgenden Grafikbörsen waren Marksteine, die den enormen Aufschwung der Druckgrafik in der DDR bezeugten. Wir zeigen die legendäre Lithografie „Fliegende Druckpressen“ von Rolf Münzner, mit der die 1. Leipziger Grafikbörse beworben wurde. Im Vergleich mit der westdeutschen Kunstszene fallen zwei Dinge besonders ins Auge. Zunächst die auffällig hohe Zahl von aufwändig gedruckten und gebundenen originalgrafischen Editionen und Mappenwerken, für die es unter den heutigen Bedingungen kaum noch eine wirtschaftliche Grundlage gibt. Dann aber auch die originalgrafischen Ausstellungsplakate, die in den 1970er und 80er Jahren geradezu die Regel waren und erst kürzlich in ihrer historischen Sonderstellung in einer Ausstellung gewürdigt wurden. 

Doch wo steht die Druckgrafik in Sachsen heute? Wie sehr hat das Interesse an ihr Bestand? Nach wie vor stehen Druckpressen bereit, nach wie vor unterziehen sich unverwechselbare Druckerpersönlichkeiten der harten und mühevollen Arbeit an den Druckformen und Pressen. Und auch wenn die Entwicklung der Lehre an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden gerade in letzter Zeit immer wieder für negative Schlagzeilen sorgt: Nach wie vor laden die druckgrafischen Werkstätten beider Akademien die Kunststudenten zur ernsthaften Auseinandersetzung mit den einschlägigen Techniken ein. Erst am vergangenen Wochenende haben die sehr guten Besucherzahlen des Grafikmarktes in der Sparkasse am Güntzplatz in Dresden wieder das nach wie vor rege Interesse des Publikums belegt. 

Zu jedem der hier ausstellenden Künstler wäre mindestens eine ausführliche und um Verständnis ringende Rede zu halten. Sie sehen es mir bitte nach, dass ich es für heute mit dem Gesagten bewenden lasse. Ich möchte - quasi stellvertretend für Alle - nur drei Positionen herausgreifen, um die Bandbreite des hier gezeigten druckkünstlerischen Schaffens anzudeuten. 

Nicht nur um die zeitgenössische Druckgrafik in Sachsen sondern um die Druckgrafik insgesamt verdient gemacht hat sich Rolf Münzner, der heute in Geithain im Muldentalkreis lebt, aber jahrzehntelang in Leipzig gearbeitet hat, wo er als Lehrer und künstlerischer Leiter der Lithografischen Werkstatt der HGB vorstand. Rolf Münzner hat mit der durch ihn bis an ihre Grenzen ausgeloteten Schablithografie ein einzigartiges druckgrafisches Ouevre geschaffen, das noch Generationen nach ihm Richtschnur und Inspiration sein wird. Seine Blätter verströmen einen magischen Glanz. Wie ein Zauber leuchten die fein gewobenen Lichtgespinste aus der tiefschwarz druckenden Asphaltlackgrundierung. Denkwürdige und auf dem Kunstmarkt gesuchte Blätter wie die schon erwähnten „Fliegenden Druckpressen“ oder auch die „Singer-Nähmaschine“ können Sie hier genießen. 

Als Position der nachfolgenden Künstlergeneration möchte ich Silvio Zesch beschreiben, der 2007 sein Meisterstudium bei Ralf Kerbach abschloss und heute in Podrosche in der Lausitz lebt. Dort hat er in dem Kreuzgewölbe eines alten Wirtshauses eine Steinpresse und eine Sammlung von kleinen und mittelgroßen Steinen versammelt, um weitab von städtischem Getriebe und Getriebensein, seine kräftig akzentuierten Lithografien selbst zu drucken. Die extreme Autonomie dieses Arbeitsraumes gewährt ihm die Kontrolle des druckgrafischen Resultats durch alle Stadien hindurch bis zum druckfrischen Exemplar. Dabei interessieren ihn weniger der Auflagendruck und die Duplizität, die potenzielle Vervielfältigung des druckgrafischen Originals. Stattdessen treibt er den Stein ähnlich wie bei Picassos berühmter Stier-Serie in immer neue Abwandlungen des Gefundenen durch weiteres Abdecken des noch offenen Steins, durch Wegnahme der auf dem Stein angelegten Zeichnung, durch Abschaben oder sogar Radieren. So entsteht eine manchmal lange Reihe von Zuständen, die nur ein sehr aufmerksamer und kundiger Betrachter noch in die richtige Reihenfolge zu stellen vermag. 

Eine der Lithografie verwandte Drucktechnik ist die Algrafie, die auf dem Flachdruck von einer behandelten Metallplatte beruht. In dieser Technik arbeitet in den letzten Jahren bevorzugt Gerda Lepke, die auch in der Lithografie, der Kaltnadelradierung und im Siebdruck zu überzeugen wusste. In dieser leicht und flüssig auftragenden Technik zeichnet sie ihre situativ bezogene Wahrnehmung und Empfindung nach - welche sie das „Das Bild in mir“ nennt. Die gezeichnete Linie zeigt sich dabei immer wieder als das bestimmende Element ihrer Malerei. Wobei die Linie bei Gerda Lepke ein eher fragiles, bisweilen zögerndes Wesen besitzt, sich dem Gegenstand hingebend, dem Gegenstand sich anschmiegend und ihn in immer neuen Anläufen umspielend. 

Fast tut es mir leid, all die anderen Namen und liebgewordenen Künstler nicht zu nennen. Eine Katharina Kretschmer zum Beispiel, die in Halle bei Roland Paris und in Dresden bei Claus Weidensdorfer studierte. Sie arbeitet nicht nur in Holz und Zinkplatte sondern verwendet die Ergebnisse ihres druckgrafischen Wirkens unter anderem für Collagen von ganz eigentümlichem Reiz. 

Ein Hermann Naumann, der seit 50 Jahren geradezu artistisch in nahezu allen Drucktechniken brillierte, ein unglaublich umfangreiches druckgrafisches Ouevre schuf, zahllose Bücher illustrierte und als wäre dies für ein Künstlerleben nicht schon genug noch den Punzenstich der Renaissance wiederbelebte. 

Klaus Drechsler, der als Maler im Wachwitzgrund, quasi die Amtsnachfolge von Hans Jüchser würdig ausfüllt, und mit seinen Stilleben und Bauernhofporträts ruhig und satt in ihren erdigen Farben ruhende Algrafien schuf. 

Angela Hampel, die in ihrer Bedeutung für die städtische Kunstszene gerade in den 80er und 90er Jahren kaum unterschätzt werden kann. Sie rührt mit den animalisch-sinnlichen Psychogrammen ihrer Algrafien an ein mystisches Urerleben jeder einzelnen Existenz und ist eben nicht, wie häufig verwechselt wird, ausschließlich als dezidiert feminine Ausdrucksform zu sehen. 

Werner Wittig, der in der Lößnitz lebt und arbeitet. Er hat mit der von ihm selbst zur Blüte gebrachten Holzrißtechnik nicht nur ein eigene unverwechselbare Handschrift entwickelt sondern einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Druckgrafik insgesamt. Seine transparenten, zart in der gewachsenen Maserung des Holzes schwebenden Farbholzrisse werden auf Dauer zu den schönsten Werken der sächsischen Druckgrafik gehören. 

Und da wir gerade den Farbholzschnitt in Radebeul berühren, sei unbedingt auch Michael Hofmann genannt, der mit seinen kräftigen und ganz und gar unvorsichtigen Bildern immer wieder Anklänge an die klassische Moderne heraufbeschwört.

Hubertus Giebe druckt mit dem Drucker Frank Walther in den Katakomben des hiesigen Akademiegebäudes meist großformatige Farblithografien, die formal eine Herkunft von Otto Dix nicht verleugnen und inhaltlich als Statements zum prekären Status der Kunst in unserer Zeit gelesen werden können und wollen. Wir zeigen in dieser Ausstellung vor allem neue Blätter, in denen Giebe seine politischen Geschichtsbilder in scharf gesteigerten Kontrasten in Zinkplatten radierte.

Ein Michael Morgner, neben Carlfriedrich Claus vielleicht der bedeutendste Chemnitzer Grafiker der 2. Hälfte des 20. Jh., seine Technik der Lavage, die auf einer langwierigen, das bedruckte und geprägte Büttenpapier teils abtragenden, teils zerstörenden Naßbehandlung beruht. Mitbegründer der Galerie Oben und der Gruppe Clara Mosch.

Zum Schluss aber keineswegs als Geringsten nenne ich Johannes Heisig, inzwischen in Berlin lebend und arbeitend, der meiner Ansicht nach zu den wenigen wirklich nachhaltigen Malern der aktuellen Kunstszene in Deutschland gehört und inzwischen auf ein unbeirrbar und stetig gewachsenes Ouevre zurückblicken kann. Wie sein Vater prüft er seine Themen und Bildfindungen in der Kreidelithografie, die er aber im Gegensatz zu diesem weniger dramatisch, weniger auf das Hell-Dunkel fokussiert, deutlich sensibler und psychisch tiefer durchdringend auffasst.

Michael Böhlitz

Anne Kern - Herbstzeitlose | Ausstellung | Galerie Himmel

Aktuelle Ausstellung

Klaus Drechsler - Herbstzeitlose
25. Nov. 2017 - 13. Jan. 2018

Vernissage

Freitag, 24. Nov. 2017, 19 Uhr
Der Schauspieler Friedrich Wilhelm Junge liest Gedichte von Hermann Hesse und Wulf Kirsten.