Fritz Tröger - Alltag und Sachlichkeit | Ausstellung | Galerie Himmel

Fritz Tröger – Alltag & Sachlichkeit

Ausstellung  |  20. Januar – 10. März 2018

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Laudatio

In diesen Tagen ist Fritz Tröger für uns auf besondere Weise präsent. In spektakulären Sonderausstellungen hängen derzeit zwei Porträtgemälde, die ihn von verschiedener Warte zeigen. Das Museum Barberini in Potsdam hat für seine Schau „Hinter der Maske – Künstler in der DDR“ das 1957 von Rudolf Nehmer gemalte „Bildnis des Malers Fritz Tröger“ aus dem Lindenau-Museum Altenburg entliehen. Den Ausstellungstitel quasi widerlegend erscheint Tröger in Nehmers Bild überhaupt nicht maskiert. Er steht, in Baskenmütze und einfacher Joppe, Stift und Zeichenblock fest im Griff, mit forschend-klarem Blick, frontal und offen vor dem Betrachter. Nehmer stellt ihn mit vom Wetter gegerbtem Gesicht in eine von Telegrafenmasten durchzogene Landschaft. Wer Tröger kannte, verstand sofort: Dieser Mann liebte das Arbeiten unter freiem Himmel, durchstreifte die Umgebung seines Lausitzer Landateliers oft tagelang und hatte eine gewisse Vorliebe für spröde, teilweise industriell überformte Landschaften. Nehmers Bild sagt etwas über Arbeitsweise und Bildästhetik des Kollegen, sind doch Telegrafenmasten und Stromleitungen als Attribut eines Malers lesbar, der solche technischen Einrichtungen bevorzugt als kompositionsbestimmende Bildelemente nutzte.

Das andere Porträt malte wenige Jahre später Carl Lohse. In der Ausstellung „Carl Lohse – Expressionist“ zeigt die Galerie Neue Meister aus eigenem Bestand das 1964 gemalte Bildnis „Der Maler Fritz Tröger“. Es ist ein in seiner Farbgebung radikales, sogenanntes „weißes“ Bildnis, das den alten Maler fast in Licht aufgelöst erscheinen lässt. Während Rudolf Nehmer den Künstler darstellte, porträtierte Carl Lohse mehr seine körperliche und charakterliche Erscheinung. Tröger sitzt in Sommerhut und einer Art Malerkittel mit übergeschlagenen Beinen auf einem roten Gartenstuhl, einen Oberarm auf die Stuhllehne gestützt. Den Kopf wie fragend zur Seite geneigt formt er mit einer Hand eine Muschel hinter dem rechten Ohr. Das linke Ohr rötlich akzentuiert, die Gesichtszüge leidend, dabei jedoch konzentriert. Hier ist eine Gesprächshaltung eingefangen, die für ihn typisch war, denn Tröger war seit seiner Kindheit stark schwerhörig.

Folgen wir dem entgegengesetzten Blick, dem Blick, den Tröger auf seine Künstlerkollegen richtet, wird Weiteres deutlich. Im Habitus seiner Künstlerporträts ist kein Standesdünkel erkennbar, keine intellektuelle Distanz. Künstlerfreunde und Studienkommilitonen sind unter Verzicht auf alles Überflüssige dargestellt, Menschen, die sich kaum von den Verwandten und einfachen Leuten unterscheiden, die Tröger sonst porträtiert. Bei aller Präzision der Zeichnung bleibt jede hyperrealistische oder veristische Note vermieden. Die ruhig-sachliche Schilderung ist frei von Übertreibungen, herausgestellten Abnormitäten und Indiskretionen, eine Malerei, die sich ihrer Mitte, ihres humanistischen Menschenbilds bewusst ist.

Die Reihe der von ihm porträtierten Künstler beleuchtet das Umfeld, in dem er sich bewegte. Unter den Freunden, Studienkommilitonen und ihm sonst nahestehenden Künstlern waren die unterschiedlichsten, wenn nicht gar gegensätzlichsten Charaktere, die sowohl politisch als auch stilistisch sehr differente Auffassungen vertraten. Darunter Hermann Glöckner, Carl Lohse, Georg Siebert, Hans Kinder, Erich Fraaß, Annemarie Balden-Wolff, Ewald Schönberg und Bernhard Kretzschmar. Bilder aus dem Lebenskreis des Wachwitzer Talhauses der Familie Jüchser bezeugen überdies die Freundschaft mit Hans Jüchser. In ihrer Gesamtheit offenbaren Trögers Künstlerporträts zweierlei: seine offene liberale Haltung und seine breite Verankerung in der pluralistischen Kunstszene der 20er und 30er Jahre, insbesondere der Neuen Sachlichkeit.

Freunde und Weggefährten wie Hans Jüchser, Hermann Glöckner oder Curt Querner, auch die ihn porträtierenden Maler Carl Lohse und Rudolf Nehmer, sahen in Fritz Tröger einen gleichrangigen Mitstreiter. Bis weit in die 70er Jahre hielt sich diese Wertschätzung, man zählte ihn zu den bedeutenden Dresdner Künstlern. Danach ist seine Stimme im Konzert der Zeitgenossen leiser geworden. Mit Katalog und Ausstellung zur „Neuen Sachlichkeit in Dresden“ 2011/2012 in der Galerie Neue Meister hat sich das etwas geändert. Unsere Ausstellung möchte dieses sich neu bekundende Interesse wachhalten und die Wahrnehmbarkeit seiner Kunst stärken.

Fritz Tröger stammt aus einfachen Verhältnissen, seine erzgebirgischen Vorfahren waren Bauern, Schmiede und Schlosser. Vielleicht mit Rücksicht auf seine früh entwickelte zeichnerische Begabung erlernte er den Schneiderberuf und studierte an der Deutschen Bekleidungs-Akademie. Von dort schaffte er 1915 gegen den Widerstand des Vaters den Sprung an die Kunstgewerbeschule. Er studierte bei der Designerin Margarete Junge, die für ein sachlich-funktionales Jugendstil-Design stand, Musterzeichnen und Entwerfen. Tröger hat diese Ausbildung in besonderer Weise geprägt. Er verdankte ihr seinen Hang zu einer reduzierten strengen Formensprache sowie die Neigung, die klar umreißende Linie gegenüber anderen Ausdrucksmitteln zu bevorzugen.

Nach dem Abschluss der Kunstgewerbeschule konnte Tröger ab 1918 endlich an der Kunstakademie studieren. Im Zeichensaal bei Richard Müller eignete er sich die Sicherheit der Linienführung an, die es ihm später ermöglichte, allein mit scharf umrissenen Flächen das Wesentliche eines Gegenstands zu erfassen. Der Hyperrealismus Müllers konnte ihn nicht von seinem Weg zu einer konstruktiv-sachlichen Abstraktion der Umrisszeichnung abbringen. Danach studierte er Malerei bei Max Feldbauer, Otto Hettner, Georg Lührig und Otto Gussmann und geriet so in die Einflusssphäre von Spielarten des späten Impressionismus, des Jugendstil und eines gemäßigten Expressionismus. Allerdings machten sich im Verhältnis zu den Lehrern schon sein gewachsenes eigenes Stilempfinden und ein gewisses Beharrungsvermögen bemerkbar. Otto Hettner muss einmal so an der Unbeirrbarkeit des Studenten verzweifelt sein, dass er ihn als Ketzer bezeichnete. Selbst Otto Gussmann, im Fach dekorative Wandgestaltung in Dresden eine Koryphäe, und als Lehrer von Schülern wie Otto Dix, Hermann Glöckner, aber auch Edmund Kesting äußerst tolerant, attestierte dem jungen Tröger im Krach, „ein eigensinniger Mensch“ zu sein.

In Anbetracht der Werke, mit denen Tröger nach dem Abgang von der Akademie 1925 in Dresden hervortrat, hatte er sich diesen Tadel verdient. Seine Zeichnungen und Tafelgemälde teilten mit der Stilbewegung der Neuen Sachlichkeit die Vereinzelung der Gegenstände und eine gewisse Strenge und Statik im Bildaufbau. Den ihr innewohnenden Strömungen des Verismus und des Naturalismus stand Tröger jedoch fremd gegenüber. Bildsprache und technische Umsetzung waren bei ihm völlig autonom. Bestimmende Komponenten seiner Lasurmalerei sind der feste lineare Umriss und harmonisch zueinander gesetzte monochrome Farbflächen. Diese Flächenkunst wird teilweise so radikal vorgetragen, dass die Tafelbilder wie Intarsien anmuten. In der Zeichnung bildet die Linie ein konstruktives Gerüst, das Bildgegenstände oft regelrecht am Bildrand vertäut. Kennzeichnend ist für Tröger die Reduktion auf das Wesentliche, das Weglassen alles Überflüssigen und die weitgehende Vereinfachung der Umrissbildung.

Nach eigener Aussage strebte Tröger zu einem Ausdruck der Ruhe und Geschlossenheit, zum Ideal einer „neuen Klassik“, einer Klassik, zu der ihn die archaische Kunst Ägyptens und Griechenlands ebenso inspiriert hatte, wie der japanische Farbholzschnitt und die Malerei der italienischen Proto- und Frührenaissance. So hatte die Rezeption griechischer Vasenmalerei ebenso Anteil an seiner Stilfindung, wie Bilder von Cimabue, Giotto und Botticelli oder die zwischen 1916 und 1919 vom Tagebuch bezeugte intensive Beschäftigung mit japanischer Kunst.

Das neusachliche Frühwerk beschließen Arbeiten wie die im September 1932 gezeichneten Elbe-Frachtschiffe. Stilistisch steht ihnen ein 15 Ölkreide-Zeichnungen umfassender Zyklus zu den Kasernen der Albertstadt nahe, der hauptsächlich im Mai 1932 entstand. In diesen letzten Arbeiten vor den Erschütterungen des Jahres 1933 offenbart sich ein lebendiges Interesse an der technisch-gegenständlichen Welt. Die ausschnitthaft ins Bild gesetzten Lastkähne werden mit ihren Aufbauten, Stangen, Masten und Vertäuungen zu regelrechten Maschinenbildern. Die Kasernenblätter nutzen die architektonischen Strukturen für eine konstruktive Blattaufteilung, rhythmisiert von Einzäunungen, Pappelreihen und Hecken. Helle und ziegelrote Wandfelder stehen, koloristisch auf einen einheitlichen Grundklang reduziert, gegen das Schwarz der Balken und Fallrohre, das Himmelsblau und das Grün der Baumkronen und Wiesenflächen. In den Kasernenblättern herrscht absolute Stille. Man spürt den trügerischen Frieden zwischen den Kriegen. Fast beschaulich liegen die Kavallerie-Kasernen, Stallungen und die Artillerie-Remise der ehemaligen Königlich-Sächsischen-Armee in der Maisonne des Jahres 1932. Menschenleer, ohne jegliches Personal, wirken sie wie verlassene Bühnen.

Ab 1936 folgte für Tröger die Zeit der inneren Emigration. Auf die zunehmende Ausgrenzung im Dritten Reich reagierte er mit dem Rückzug in die Lausitzer Landeinsamkeit, nach Laske, einem kleinen sorbischen Walddorf unweit von Kamenz. Hier fand er mit der „kleinen Landschaft“ ein neues Lebensthema, zeichnete und malte das Dorf, seine Häuser und Schuppen, den angrenzenden Auwald. Von hier aus unternahm er Wanderungen in die Umgebung, durch Teichlandschaften, bis ins Lausitzer Bergland. So wurde die Lausitz zu seinem Refugium, seiner Idylle, die ihm eine vertiefte Naturerfahrung aufschloss.

Tröger malte im Freien und erwanderte seine Motive. Das war mit Lasurmalerei nicht möglich, weshalb er zunehmend auf Papier arbeitete. Stilistisch schlug er dabei moderatere Töne an. Die Radikalität der um 1930 entstandenen Tafelmalerei, ihre strenge Flächigkeit, findet in den Federzeichnungen, Aquarellen und Ölpastellen der 40er Jahre keine Entsprechung. Die Formulierungen erscheinen milder, weniger hart und trocken, der Farbklang etwas gebrochen und delikat verfeinert. Erkennbar bleibt die Handschrift aber auch hier, denn sein Formwille drängte zur Reduktion. In Mischtechniken balancierte er die grafisch-zeichnerische Komponente mit der malerisch-koloristischen aus, kombinierte Tusche, Feder, Graphit und Kreide auf der einen Seite mit Pastellkreide, Aquarell oder Ölkreide auf der anderen Seite in immer neuen Varianten.

Ab 1949 nahm die industrielle Arbeitswelt immer mehr Raum in Trögers Schaffen ein. Der arbeitende Mensch und die Maschine rückten in den Fokus. Zuerst in Landwirtschaft und Stahlindustrie, später, ab 1951, vor allem im Braunkohle-Tagebau. Er zeichnete Grubenkumpel, Gleisbauarbeiter, Lokführer und Straßenbauer. Seine Begeisterung für Maschinen und technische Anlagen bis hin zur Großtechnik, entsprang auch künstlerisch-formalen Interessen. So wurden Förderbrücken, Bagger, Lokomotiven, Telefonmasten, Eisenbahngleise und Überland-Leitungen als konstruktive Elemente und ästhetische Dominanten regelrechte Markenzeichen seiner Kunst.

Vor epischer Schilderung oder heroischer Überhöhung der industriellen Produktion bewahrte ihn sein sachlich-nüchterner Blick. Er malte keinen „Sozialistischen Realismus“. Lange bevor Kulturfunktionäre die Künstler auf den Bitterfelder Weg und in die Produktionsstätten des sogenannten „sozialistischen Aufbaus“ wiesen hatte Tröger sich die Arbeitswelt selbst zum Thema gemacht. Handwerker und Werkstätten, Arbeiter und Maschinen, Bahnhofsgelände, Sandgruben, all das waren schon in den zwanziger und dreißiger Jahren seine Motive.

Wegen dieser Kontinuität und der Stringenz, mit der er über 5 Jahrzehnte sein Werk entwickelte, war Tröger in den 60er und 70er Jahren für junge Künstler ein Vorbild. Ähnlich wie bei Curt Querner oder Hermann Glöckner bewunderte man in ihm einen Maler, der mit seiner Beharrlichkeit in einer Zeit politischer Einflussnahme Orientierung zu geben vermochte. Unbeirrbar hatte er sich über Umwege seinen Traum vom Kunststudium erfüllt, hatte konsequent sein versachlichendes Stilideal verfolgt, ohne je von der Maxime abzugehen, seine Kunst nicht dem großen Welttheater sondern den einfachen Menschen und ihrem Alltag zu widmen.

Alltag und Sachlichkeit - an diesen in den zwanziger Jahren entwickelten Prämissen seiner Malerei hat Tröger über Jahrzehnte festgehalten. Sie stehen leitmotivisch nicht nur über unserer Ausstellung, sondern auch über seinem Lebenswerk.

Michael Böhlitz

Galerie Himmel

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Die Ausstellung begleitet
ein reich bebilderter Katalog 
mit Texten von Anke Fröhlich-
Schauseil, Jördis Lademann
und Frank Oehmichen