Ernst Hassebrauk - Stilleben.
Ein barockes Fest der Farben

Ausstellung | 15. Juni - 27. Juli 2013

Dieter Hoffmann
Rede zur Eröffnung der Ausstellung am 11. Juni 2013

Meine Damen und Herren,

diese Ausstellung hat mich in Trance versetzt, jedes Bild rührt mich an.
Verzeihen Sie, wenn ich vielleicht zwischendurch in meiner Rede stocke.

Ich könnte lange allein schon über das Bild reden, dass Sie von der Einladung her kennen. Es ist in der Farbe zurückhaltend – auch das gab es bei Hassebrauk, dessen Farbenprächte oft süchtig machen. Also, es ist zurückhaltend, aber es kreist, nicht freilich wie die Rhythmes colorées von Sonia Delaunay, nicht wie die späten Rotationsbilder Max Ackermanns – und doch ein Kosmos.

Auf weißen hellen Segmentstreifen – Papier vielleicht oder Tücher – ist alles in Bewegung. Man gewahrt Akzente von Blumen, nicht botanisch definierbar, links kleine violette, rechts große gelbe. Die gelben nehmen wir einmal als Sonnenblumen. Das ruft Van Gogh herauf. Auch Max Pechstein, der einmal als Student Sonnenblumen geklaut hat, um sie zu malen. Und ist Ihnen schon aufgefallen, dass draußen an der Frauenkirche hoch oben Sonnenblumen in Stein gehauen sind, diesen Tempel zu schmücken. „Barock“ ist dieses Bild auf jeden Fall. Der Galerist sieht darin ein kräftiges Feston. Die Galeristin empfindet es als ein Hauptwerk des Künstlers. Und sie nannte diese Ausstellung ein „barockes Fest der Farbe“, erinnert wohl an des neu-barocken Delacroix berühmtes Wort, die Malerei sei ein Fest für das Auge.

Schwarz-Weiß freilich – das beweist die schöne Ausstellung mit einigen Tusch-zeichnungen zwischen den Malereien – kann auch überaus festlich sein, verhält sich vielleicht manchmal wie halbbittere Herrenschokolade zu Konfekt. Farbe stellt sich dann imaginär ein. Überhaupt hatte Ernst Hassebrauk, zunächst ein Mann der Zeichnung, also des reinen Schwarz-Weiß und der Grauwerte verschiedner Graphitstifte, in der Malerei „monochrome banketjes“ mit grauem und mahagonifarbnem Grund entwickelt und war zu einer an Reichtum immer mehr zunehmenden Malerei gelangt. Die hier früheste Arbeit ist eine aquarellierte Tuschzeichnung aus der Studienzeit, eine Efeu-Ranke in mattem Grün.

Meine Damen und Herren, Sie werden wahrnehmen, wie genußreich der Künstler das so genannte „Stoffliche“ pflegt. Ein Beispiel soll dafür stehen: Ein großes Stilleben in „Mischtechnik“ – Tempera, Aquarell und schwarze Kreide – zeigt eine Kaminuhr aus Bronze und einen Gardehelm aus Schwarzblech: beides „zum Anfassen“. Ernst Jünger sprach einmal vom „stereoskopischen Genuß“ der Spreisen...

Gern würde ich von Bild zu Bild gehen und dazu das sagen, was ich sehe und empfinde. Wir sehen, mir schräg gegenüber ein Hochformat im historischen Goldrahmen, ein Stilleben befrachtet mit guten Dingen, wie ein Gabentisch – der „Tisch der Sehnsucht, der nie leer wird“, wie es bei Novalis heißt. Es ist zudem gekippt, gestaffelt und wird zum Turm. Ich denke auch an Schmidt-Kirsteins „Turm der Gefäße“, Franz Marcs „Turm der blauen Pferde“...

Hassebrauk malte gern, was er aß, den Frisee-Salat, die Fische, das Obst, den Kuchen... Es geht die Sage, daß er gern zwei Hähnchen aß, zwei Flaschen Wein trank, analog einer Gepflogenheit des „barocken“ Florentiner Dichters Theodor Däubler, der auch gern in Dresden gelebt hat, befreundet mit Ida Bienert und Förderer des jungen Fritz Löffler – von Däubler wird der Ausspruch kolportiert „Wenn ich nicht esse, kann ich nicht dichten“.
Ernst Hassebrauk aß gern im „Atorie“ der Dresdner Südvorstadt, oben in Loschwitz auf dem „Luisenhof“ oder unten im näheren „Körnergarten“, in „Adams Gasthof“ zu Moritzburg, am liebsten elb-entlang, im „Gastmahl des Meeres“ in Pirna, in „Lehmanns Weingut“ in Seußlitz...

Er wäre kein Maler gewesen, wenn er nicht an vitalen „Küchenstücken“ Freude gehabt hätte. Ein „Stilleben mit Fleischwolf“, wohl aus den frühen Vierziger Jahren, hat paradox die Farben seiner betörenden Schmuckbilder. Theodor Rosenhauer hat zu all den berühmten Brot-Bildern eine Brotschneidemaschine gemalt, Max Beckmann im Jahr 1945 eine kleine Küchenmaschine.

Wie die Alten Meister Italiens und der Niederlande machte Hassebrauk keinen Rang-Unterschied zwischen Blumen und Obst, Obst und Gemüse. Er war gern in München und malte ein „Bayrisches Stilleben“: ein grauer Steinkrug, ein großer Kohlrabi und Zwiebeln – auf der Fläche schweben sie fast, Metaphern der Posesie – Zwiebeln wie Goldstücke, der Kohlrabi wie ein Turban.

Wer kein spezieller Freund der Küche ist, wird in der Ausstellung üppig „entschädigt“ von einer ganzen Wand mit Varianten eines Blumen-Früchte-Korbes, inspiriert von Caravaggio – der Künstler variiert mit Lust, als wüsste er nicht wohin mit seinen überbordenen Einfällen, dieser Pracht.

Vom prallen Leben ist – „barock“ – die Vanitas nicht weit. Schon in der Ausstellung „Schöner Frauen und Stilleben“ vor einem Jahr im Pillnitzer Schloß wurden die Besucher auch mit der Vergänglichkeit alles Irdischen konfrontiert. Die Antike wusste, daß der Tod auch in Arkadien ist. In der Galerie Koenitz nun sehen wir, klug in Bildern einander benachbart, zwei Schädel, einen drohend giftgelb bleckend über roten verfluchten Spielkarten, und einen würdig rein und hell, wie eine Reliquie, einem zarten Frühlingssträußchen benachbart.

Meine Damen und Herren, „Still leben“ hat Eckart Kleßmann, Lyriker und Historiker der Goethezeit und Napoleonzeit und der Romantik, die Sammlung seiner neuesten Gedichte genannt, er meint Stilleben und zugleich stilles Leben. Wer den Buchtitel ausspricht, kommt ins besinnende Stocken. Der Autor ist vor kurzem 80 geworden. Was kann man da anders als „still leben“? Der Maler, dessen Stilleben wir hier sehen, ist 1905 geboren, ein Jahr vor seinem 70. Geburtstag gestorben. Hat Hassebrauk still gelebt? Ein Trappistenmönch war er nicht, aber er liebte den Lärm nicht. Keine Rede davon, daß er sich hochmütig abgekapselt hätte. Er nahm sogar die kleineren Begabungen ernst, porträtierte sie gar gelegentlich. Er war eine geachtete, je imposante Erscheinung.
Am glücklichsten war er vor der Staffelei, sagte Frau Charlotte. Im großen Zimmer einer gemieteten Parterrewohnung der Kierdorfschen Villa – ein Atelier hatte er schon lange nicht mehr – standen drei Staffeleien, aber nur, um darauf Bilder zu stellen. Die späten Malereien schuf der Künstler mit Gouache, Pastell, Acryl auf großem Carton. Aquarelle malte er in der Küche, wo er mit Wasserfarbe ungeniert hantieren konnte.

Vielleicht hätte Hassebrauk sich gern einmal selbst so gemalt wie der junge Max Liebermann, als Koch kostümiert hinter einem Tisch herrlicher Gemüse – aber diese Motiv war nun einmal vergeben. Hassebrauk hat auch Lovis Corinth bewundert, übersetzte wie dieser die Fülle des Lebens. Corinths „Großes Geburtstagsstilleben“ 1911 für die Gattin gemalt, auch eine Charlotte, zeigt Geflügel und Wildbret, Ananas, Trauben, lachsfarbnen und blauen Fisch, rote Tulpen, weiße Lilien und andere Blumen mehr. Und es ist bereits eine Adaption, eine der Synders´schen Stilleben, wie sie auch in der Dresdner Galerie hängen. – Vor ihnen stand Hassebrauk von Jugend an überwältigt.

Als Ernst Hassebrauk uns in Frankfurt am Main besuchte, führten wir ihn in ein italienisches Restaurant, die „Blaue Grotte“, wo ihm die Spaghetti ai quattro formaggi mundeten, daß er beschwingt den Zeichenblock, den er bei sich führte, zur Hand nahm und ein bezauberndes Portrait meiner Frau zeichnete.

Nun, meine Zuhörer, ein Wort gegen Ende meiner kleinen Rede. Es scheint, als habe der 1926, zwischen beiden alles umwälzenden Weltkriegen verstorbene Dichter Rainer Maria Rilke die teils fortschrittsgläubige, teil ironisch kritische Ding-Bezogenheit, die mit Pop Art in den Sechziger Jahren aufkam, geahnt: Ich zitiere:
„Noch für unsere Großeltern war ein Haus, ein Brunnen, ein ihnen vertrauter Turm, ja ihr eigenes Kleid, ihr Mantel unendlich mehr, unendlich vertraulicher, fast jedes Ding ein Gefäß, in dem sie Menschliches vorfanden und Menschliches hinzusparten. Nun drängen von Amerika her, leere, gleichgültige Dinge herüber. Schein-Dinge, Lebens-Attrappen... Ein Haus, im amerikanischen Verstande, ein amerikanischer Apfel oder eine dortige Rebe, hat nichts gemeinsam mit dem Haus, der Frucht, der Traube, in die Hoffnung und Nachdenklichkeit unserer Vorväter eingegangen war... Die belebten, die erlebten, die uns mitwissenden Dinge gehen zur Neige und konnten nicht mehr ersetzt werden. Wir sind vielleicht die Letzten, die noch solche Dinge gekannt haben.“

Was, meine Damen und Herren, sollte Rilke, den ich hoch verehre, dann heute sagen! In den Bildern Ernst Hassebrauks aber, und denen mancher Dresdner Maler, deren geistiges Umfeld, wie die Natur, wie die humanistische Bildung, Stunde um Stunde mehr zerstört werden von einer dilettantischen Kulturpolitik – siehe documenta, siehe Biennale, siehe Galerie Neue Meister in Dresden – ist noch etwas geistig materialisiert, was bald geradezu schon als wertvolle Antiquität begriffen werden muß. Erinnerungen an gefährdete Werte, jenseits vermarkteter Nostalgie.

Diese Ausstellung, eine schöne und kluge Ausstellung, gewährt und fordert Einkehr!

Nach dem Regen | Ausstellung | Galerie Himmel

Nächste Ausstellung

Hans Kutschke -
Nach dem Regen

19. August - 30. September 2017

Vernissage

Freitag, 18. August 2017, 19 Uhr
Einführung: Anja Himmel, Galeristin

Einladung

Lassen Sie sich zu unseren Vernissagen einladen!