Bildnis eines Mannes ∙ 1910/15 ∙ Öl auf Malpappe ∙ 46 x 36 cm  

Älterer Mann mit Brille 1919/21 Öl auf Hartfaser 70 x 52 cm

Junges Mädchen ∙ um 1940 ∙ Aquarell ∙ 56 x 45 cm  

Lausitzer Feldlandschaft ∙ um 1930 ∙ Öl auf Leinwand ∙ 63 x 77 cm    

Baumblüte ∙ 1935/40 ∙ Öl auf Leinwand ∙ 61 x 80 cm    

Feld mit Korngarben 1950/60 ∙ Kohle, gewischt ∙ 59,5 x 78,5 cm 

Fischkutter im Hafen ∙ 1955/60 ∙ Aquarell ∙ 49 x 62 cm    

Junge Frau im blauen Kleid ∙ 1959 ∙ Öl auf Hartfaser ∙ 100 x 70 cm    

Carl Lohse, Tiger, um 1950, Tuschzeichnung

Carl Lohse - Ein Expressionist in Dresden  

Ausstellung | 1. August - 19. September 2009 

Einführung 

Der 1895 geborene Carl, Sohn eines eher kunstfernen Bankangestellten, erfährt frühe Förderung durch Alfred Lichtwark, den ersten Direktor der Hamburger Kunsthalle und vehementen Unterstützer der modernen Kunst. Lichtwark gewährt dem 14-Jährigen ein Stipendium für die Kunstgewerbeschule und später für die Malschule Arthur Siebelist. 1912 empfiehlt er ihn nachdrücklich zum Kunststudium an die Großherzogliche Kunstschule in Weimar. Dort erhält Lohse bei Fritz Mackensen und Albin Egger-Lienz das Rüstzeug für die weitere künstlerische Entwicklung: eine akademisch geprägte, von toniger Farbpalette bestimmte Malerei im Stil des späten Impressionismus.

Carl Lohse lernt in Weimar Otto Pankok kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden wird. Beide verlassen Weimar 1914 in Richtung dem oldenburgischen Dorf Dötlingen, wo sie sich intensiv der Wiedergabe des einfachen ländlichen Lebens widmen. In dieser Zeit begegnet Lohse auf Ausstellungen in Holland Bildern von Vincent van Gogh, die ihn tief berühren. In dem Niederländer erfährt er eine Anregung, die ihn zeitlebens nicht mehr loslassen wird. Etwa auf dieser Stufe entsteht das hier gezeigte kleine Männerbildnis von 1910/15. Die mit breitem Pinsel markant gefurchte Gesichtslandschaft zeigt die Suche nach neuen zeitgemäßen Ausdrucksformen und lässt schon den Zug zur Spontaneität erahnen, die sich später unter dem Eindruck der folgenden Kriegsjahre entladen soll.
 
Denn 1915 zieht man Lohse zum Kriegsdienst ein. In Nordfrankreich wird er 1916 in der Schlacht an der Somme verschüttet, überlebt als Einziger seiner Kompanie und gerät in englische Gefangenschaft. 1919 aus dieser entlassen, geht Lohse zunächst nach Hamburg, wird aber durch die Einladung eines Fabrikanten-Ehepaars erstmals nach Bischofswerda gezogen. Dort entsteht in nur drei Jahren der erste große Schaffenskomplex der expressionistischen Frühwerke. Die schweren seelischen Erschütterungen und Traumata des 1. Weltkriegs haben die Malerei der klassischen Moderne in Deutschland nicht unberührt gelassen. Die stilistische Entwicklung vieler und gerade jüngerer Künstler - ich denke da unter anderen an Max Beckmann - weist in dieser Zeit geradezu seismografische Ausschläge auf. Bei Carl Lohse erleben wir direkt nach dem Krieg einen regelrechten Bruch mit den bisher gepflegten Stilmitteln und Konventionen. In scheinbar rastloser nimmermüder Suche findet er für einen kurzen Moment zu einer Radikalisierung der Form, die ohne die durch Conrad Felixmüller vermittelte Anregung der ersten Generation des Expressionsimus, der „Brücke", nicht erklärbar ist, gleichzeitig aber auch deutlich über diese hinausgeht. Es ist eine hoch gestimmte, sich an sich selbst begeisternde, ja berauschende experimentelle Malerei, in der sich wesenseigene Momente seines Malergenies plötzlich Bahn brechen. Es sind dies vor allem drei auch in späteren Schaffensperioden maßgebliche Momente: Erstens die Entbindung der Farbe von ihrer mimetischen Fessel, zweitens die kompromisslose Verschärfung der Hell-Dunkel-Kontraste und drittens die spontane, die jeweilige Bildfindung aus dem unmittelbaren Hier und Jetzt sich herausgreifende Arbeitsweise.

Mit den beiden Köpfen eines älteren und eines jüngeren Mannes ist diese Periode von 1919 bis 1921 hier durch zwei sehr aussagekräftige Beispiele vertreten. In dem älteren Mann mit Brille scheint das expressionistisch-kubistische Formengut auf die Spitze getrieben. Scharfe kantige Zacken spalten das hagere Antlitz in tiefschwarze Schatten- und grellweiße Lichtsplitter, während sich das Meerblau der Brillengläser Frisur und Schnauzbart mitteilt. Der jüngere Mann im burschenhaft-proletarischen Habitus ist mit weicheren, doch nicht weniger markanten und ebenfalls stark formreduzierten Pinselhieben gegeben. Wohl einer irrationalen Eingebung folgend wird das Wangenrot in schöner Arabeske als Klammer um das Kinn geführt, so ein Gegengewicht zu den ebenfalls ornamental verfremdeten, in hohen Bögen über die Stirn gewischten Augenbrauen bildend.

Es sind Bilder wie diese, welche die Kritiker und Rezensenten der ersten Ausstellungen in Dresden zu überschwänglicher Begeisterung veranlassen. Dennoch folgt nun eine lange Schaffenspause, denn unter dem wirtschaftlichen Druck mangelnder Verkaufserfolge fährt Lohse zur Mutter nach Hamburg, wo er sich mit diversen Gelegenheitsarbeiten, unter anderem als Straßenbahnschaffner durchschlägt.

Auch nachdem Lohse 1929 nach Bischofswerda zurückgekehrt ist - er hatte inzwischen in die Familie des Händlers Scheumann eingeheiratet, bei der er auch um 1920 untergekommen war - muss er in deren Kolonialwarengeschäft mitarbeiten. Nebenbei entfaltet er aber eine wieder auflebende Bildproduktion, deren sichtbare Entsprechung die Ausstellung von 1931 in der Kunstausstellung Kühl in Dresden ist. Dieser zweite größere Schaffenskomplex der Werke von 1929 bis 1939 ist wesentlich durch den zunehmenden Einfluss der Neuen Sachlichkeit bestimmt, der zunächst eine deutliche Abkühlung der anfänglich ekstatisch-überhitzten Bildtemperatur bewirkt.

Hier nun kommen unsere beiden Landschaften zu Wort, die eine am Beginn, die andere eher am Ende der 1930er Jahre stehend. In seinen Gemälden hat Lohse das Hügelland der Oberlausitz immer und immer wieder zum Bildthema gemacht. Überhaupt ist als Lebensleistung Lohses hervorzuheben, dass vor allem durch ihn und seine äußerst innovativen Landschaftsbilder die Lausitz geradezu geadelt und in den Stand einer kunstwürdigen Landschaft erhoben wurde. Lockere, nach rechts hin leicht anschwellende Pinselschwünge bezeichnen im früheren Gemälde einen Feldweg in kargem Hügelland, während der von Blaugrün auf Blaugrau abgestimmte Himmel nur von einer hellgelb schimmernden Pinselspur durchscheinenden Sonnenlichts rhythmisiert wird. Mit scheinbar wenigen Mitteln gelingt hier eine wunderbare Suggestion von Raumtiefe und Naturlicht.

Mit dem 1933 datierten Bild der Mutter im Garten ist für Lohse der Höhepunkt der formalen Versachlichung und realistischen Rückbesinnung erreicht. Er zeigt die müde und etwas altersschwach in den Gartenstuhl gesunkene Frau vor einem Hintergrund, der eher einen Sehnsuchtsort, weniger die Vegetation in einem Hamburger Garten vorstellt. Wie zur Bestätigung liegt linkerhand eine riesige mediterrane Muschel am Boden. Die Schale wie ein Abglanz vom matten Hellblau der Bluse, das Innere in zartem Rosé aufleuchtend - sehr wahrscheinlich eine Anspielung auf das äußerlich etwas streng Wirkende der Porträtierten. In der liebevollen Schilderung ihrer Gesichtzüge blitzt - stilistisch anders eingesetzt - hohes meisterliches Können auf.

Die Frühlingslandschaft mit dem Blütenbaum belegt, wie Carl Lohse gegen Ende der 1930er Jahre verstärkt einem expressiven Realismus zustrebt. Er findet - nach der extremen Versachlichung und Abkühlung der Jahre zuvor - wieder zu seinen ureigenen Bildmitteln zurück. Wieder sind es die drei Grundmomente seiner individuellen bildlichen Vorstellungskraft: die losgebundene Farbe, der forcierte Gegensatz von Hell und Dunkel sowie die eigenwillige Spontaneität des Ausdrucks. Kaum weiß man, wer größeren Anteil am Anderen hat - der Himmel, der mit Böen noch kalter Frühlingsluft in die Baumkrone greift, oder der Baum, dessen blütenschwere Äste sich wie Gewölk oder Segel in diesen hineinblähen.

1939 folgt eine den politischen Umständen und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geschuldete Unterbrechung der künstlerischen Arbeit. Carl Lohse wird 1944 zum Volkssturm einberufen und kann erst 1946, wieder neben der Mitarbeit in der Großhandlung der Schwiegereltern, die Arbeit an seinen Bildern aufnehmen. 1947 folgt der Eintritt in den Verband bildender Künstler. Jetzt beginnt die dritte Schaffensperiode von 1946 bis 1965, in der das noch immer nicht angemessen gewürdigte Spätwerk des Malers entsteht. Gerade in Malerei und Zeichnung sind dies äußerst produktive Jahre, in denen die schöpferische Kraft und der Ausdruckswille Carl Lohses mitnichten nachlassen. Stilistisch baut er in dieser Zeit folgerichtig auf dem Ende der 1930er Jahre gewonnenen expressiven Realismus auf. Motivisch bleiben Porträt und Landschaft bestimmend. An Bedeutung gewinnen daneben die Aktdarstellung und - ganz zeittypisch - die Bilder der Arbeit, zu denen Lohse beispielsweise im Steinbruch Demitz-Thumitz bei Bischofswerda seine Anregungen sucht.
 
Am Beispiel der beiden Gemälde mit den Titeln „Junge Frau im blauen Kleid" und „Ruhender Landarbeiter" kann man das Charakteristische von Carl Lohses Spätwerk hervorragend nachvollziehen. Man sieht, wie er das Hell-Dunkel in eine Richtung hinein verschärft, in der die Kontraste - im Vokabular der Fotografie gesprochen - bis an die Grenze der Überblendung herangeführt werden. Ein Vergleich mit den direkt gegenüber hängenden Bildnissen der Frühzeit legt geradezu frappierend bloß, wie extrem lichthaltig die neueren Bilder sind. Dagegen treten die Konturen noch stärker als bisher hervor, so dass die lichtgefüllten Flächen wie in ein kräftiges Liniengeäst eingebettet liegen.

Die Gemälde und Aquarelle dieser Zeit wirken dadurch nicht selten wie Glasmalerei. Auch und besonders in den Zeichnungen der 1950er Jahre offenbart sich die unverbrauchte Meisterschaft eines alternden Künstlers, der nach wie vor das Leben ins Bild zu bannen versteht.

Als Carl Lohse 1965 im Alter von 70 Jahren in Bischofswerda stirbt, wird er lediglich als Künstler von regionaler Bedeutung wahrgenommen. Es dauert noch etwa drei Jahrzehnte, bis ihm allgemein der nationale Rang seiner Künstlerschaft zuerkannt wird. Namhafte Museen zählen herausragende Beispiele seiner Malkunst zu ihrem Besitz: unter ihnen die Neue Pinakothek der Moderne in München, die Nationalgalerie in Berlin und die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mit der Gemäldegalerie Neue Meister.

Michael Böhlitz 
(Auszug aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung am 31. Juli 2009)

Nach dem Regen | Ausstellung | Galerie Himmel

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Hans Kutschke -
Nach dem Regen

19. August - 30. September 2017

Vernissage

Freitag, 18. August 2017, 19 Uhr
Einführung: Anja Himmel, Galeristin

Einladungen  

Lassen Sie sich zu unseren Vernissagen einladen!

Junger Mann ∙ 1919/21 ∙ Öl auf Hartfaser ∙ 70 x 53 cm  

Sitzender Mann in blauer Jacke 1950/60 ∙ Aquarell über Pinselzeichnung ∙ 79 x 59,5 cm 

Weide am Wegrand um 1935 ∙ Kohle ∙ 74,5 x 59 cm 

Bildnis der Mutter im Garten 1933 ∙ Öl auf Leinwand ∙ 100 x 100 cm 

Ludwig Renn (?)  um 1950 ∙ Kohle ∙ 58 x 59 cm 

Ruhender Landarbeiter 1950/60 ∙ Öl auf Hartfaser ∙ 125 x 75 cm

Fischerboote am Strand 1955/60 ∙ Aquarell ∙ 45,5 x 59,5 cm