Bertram Kober - Carrara und Sacri Monti | Ausstellung | Galerie Himmel

Bertram Kober – Carrara & Sacri Monti

Ausstellung  |  7. Oktober – 18. November 2017

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Einführung

Marmor aus dem toskanischen Örtchen Carrara, nördlich von Pisa am Tyrrhenischen Meer gelegen, gilt seit der Antike als der reinste und schönste Werkstoff für Bildhauer und Architekten. Der Abbau des edlen Gesteins hat tiefe Spuren in der Landschaft hinterlassen. Für Bertram Kober genau jene Spuren oder Relikte, die den Fotografen seit seinem Studium bei Evelyn Richter und Arno Fischer an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig faszinieren. Mit einer großformatigen Plattenkamera hat Kober in bis zu 1000 Meter Höhe von weitgespannten Panoramen bis hin zu konzentriert geschlossenen Räumen die vom Menschen zerbohrte, zersägte, zersprengte, ja zerstörte Berglandschaft der Apuanischen Alpen in einer Serie dokumentiert.

Doch Kobers Fotografien gehen weit über das Dokumentarische hinaus. Seine atmosphärisch dichten Aufnahmen, zwischen Schönheit und Grauen changierend, sind von geradezu malerischer Qualität. Dass es den feinsten „Michelangelo-Marmor“, den weißen marmor statuario, kaum oder nur noch unter hohen Gipfeln verborgen gibt, da er seit den 1960er Jahren im industriellen Maßstab abgebaut und breit verarbeitet wurde, ist ein ernüchternder Zustand. Kobers Fotografien, so unwirklich schön sie auch sind, erlauben einen subtilen Blick auf diese Missstände. Sie zeigen die offenen Wunden einer vom Menschen geschundenen Natur.

Sacri Monti, Heilige Berge, sind Kapellenanlagen, die im späten 16. und 17. Jahrhundert als Pilgerstätten in Oberitalien entstanden. Dank ihrer kunst- und kulturgeschichtlichen Bedeutung sowie ihrer teils spektakulären illusionistischen Gestaltung mit Fresken, Reliefs und lebensgroßen Figuren aus Holz oder Terrakotta wurden neun Sacri Monti 2003 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt: Belmonte, Crea, Domodossola, Ghiffa, Oropa, Orta und Varallo im Piemont sowie Ossuccio und Varese in der Lombardei.

Mit der Errichtung des größten Heiligen Berges im piemontesischen Varallo begann
1497 die Geschichte der Sacri Monti. Der Komplex aus 45 einzelnen Bauwerken liegt eindrucksvoll auf einem 200 Meter hohen Bergkegel. Thema ist das Leben und Sterben Jesu Christi, das mit 600 lebensgroßen plastischen Figuren sowie über 4000 gemalten Figuren dargestellt wird. Die Szenen werden je nach Lichteinfall im Hell-Dunkel auf einer heilsgeschichtlichen Bühne inszeniert, stets einer stummen Theatralik folgend. Dem Betrachter eröffnet sich ein Gesamtkunstwerk skurriler Schönheit - eine Welt scheinbar realer Körper, die zu höchst expressiven und oftmals erschütternden Ensembles gruppiert sind. So bestürzend lebensnah wurde die biblische Geschichte nie zuvor gezeigt.

In der fotografischen Serie „Sacri Monti“ gelingt es Bertram Kober, das bisweilen absurd anmutende Arrangement der Akteure sowie deren Zusammenspiel und Gestik aus neuen Blickwinkeln, mit ungewöhnlicher Perspektive und genau kalkulierter Lichtregie einzufangen. Kober zeigt die gebannten Figuren oft durch ein Gitter, die vor Ort der Inszenierung und uns der Auflösung des wundersamen Schauspiels dienen. Er lehrt uns, mit dem Auge der Kamera zu sehen und zeigt mit Hintersinn auf das Spannungsfeld der heiligen Geschichten und deren Brechung durch die vergangenen 500 Jahre.

Galerie Himmel

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22. Mai - 18. Juli 2020

Die Ausstellung begleitet
ein reich bebilderter Katalog 
mit Texten von Anke Fröhlich-
Schauseil, Jördis Lademann
und Frank Oehmichen