Portraet Wieland Foerster

Wieland Förster

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Wieland Förster - Eros und Vergänglichkeit

Ausstellung  |  6. Juni - 19. Juli 2014

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Presse

Heinz Weissflog

Substanziell und unkorrumpierbar 
Arbeiten von Wieland Förster in der Galerie Himmel

Ein himmelblaues "Zunftzeichen" mit der Aufschrift "Galerie Himmel" ziert seit dem 1. Juni die Galeriemeile auf dem Obergraben. Formals "Kunsthandlung Koenitz", benannt nach dem Leipziger Antiquar und Galeristen Martin Koenitz, der seine Filiale 2006 vor Ort gründete, trägt jetzt die Galerie den Namen der Galeristin Anja Himmel (geschäftliche Leitung: Michael Böhlitz). Die beiden studierten Kunsthistoriker arbeiteten acht Jahre unter der Leitung von Koenitz, haben sich aber nun, auch dank dessen großzügiger Unterstützung, selbständig gemacht. In den vergangenen Jahren hat das Profil der Galerie Gestalt angenommen, nicht zuletzt einem geistigen Programm folgend, das vorwiegend namhafte ostdeutsche und regionale Künstler/innen favorsiert. Nun wurde dies gleich mit einem Paukenschlag bewiesen: Unter dem Titel "Eros und Vergänglichkeit" zeigt die Galerie Bronzeplastiken, Skulpturen und Grafiken des bei Oranienburg lebenden Bildhauers, Dramatikers, Dichters und Schriftstellers Wieland Förster.

Laubegast, wo er am 12. Februar 1930 geboren wurde, die Lage an der Elbe, bestimmten seinen Weg, "die Kraft und das zärtliche Strömen" des Flusses, mit dem er als Kind in einer "großen Symbiose" lebte (W.F. in "Die Elbe"). Wieland Försters Gang zur Kunst war steinig und schwer, führte ihn aber auf die Höhen - "alle Freuden die unendlichen, alle Schmerzen die unendlichen, ganz" (Goethe). 1945 erlebte er das unermessliche Leid des Angriffs auf die Stadt, musste Tote und Verletzte aus den Ruinen bergen. 1946 wurde er schuldlos vom sowjetischen NKWD verhaftet und wurde im Speziallager in Bautzen inhaftiert. "Als ich im Januar 1950, erstmals seit Jahren in der trüben Spiegelung der Straßenbahnfenster mein Gesicht sah, wurde mir klar, dass ich nie mehr als Gleicher unter Gleichen in die menschliche Gemeinschaft zurückkehren konnte. Es war die Heimkehr eines Fremdlings, nach jahrelanger  Isolation", schreibt Förster in einem autobiografischen Rückblick. Der so Gezeichnete verbrachte seine Lehr- und Wanderjahre in Dresden und Berlin, arbeitete als technischer Zeichner im Wasserbau (mit formal-kubistischen Anregungen für das spätere Bildhauern), suchte intensiv nach einer ihm möglichen künstlerischen Ausdrucksform (zunächst Musik und Theater), studierte endlich Bühnenbild und Bildhauerei bei Walter Arnold an der HfBK in Dresden, danach bei Fritz Cremer als dessen Meisterschüler an der Deutschen Akademie der Künste in Berlin. Schon 1961 musste er das Studium als des Formalismus Verdächtigter abbrechen und begründete danach in einem kleinen Berliner Ladenatelier sein Lebenswerk, das vom Leiden und Standhalten des Menschen erzählt.

In seiner Bildhauerei entwickelte Wieland Förster einen substanziellen und unkorrumpierbaren Stil, vor allem im Akt, der sich dem starren Konzept des sozialistischen Realismus mit seinem ideologischen Pathos entzog. Den Rundgang durch den großen Galerieraum eröffnet die lebensgroße Bronzeplastik "Aufrechter weiblicher Torso" (1971) mit urkraftähnlicher Vitalität und burschikoser Erotik. Die Ausstellung ergänzen Bildzeichnungen und Lithografien, darunter auch eine Felsstudie sowie wertvolle Kohlezeichnungen von Felsformationen in der Gegend um Étretat (I-IV, 1989). Sind die Oberflächen der frühen Arbeiten zunächst eher geglättet und eben, wirken die der späteren Plastiken rauher, angreifbarer und gefurchter, erodierter und verletzlicher.

Auf einer Reise  nach Tunesien 1967 hatte Förster sein "Urerlebnis", wurden ihm "die Unvergänglichkeit der Felsen in ihren unabsehbar reichen Formationen und das unzerstörbare, wenn auch verletzbare Wachstum des Ölbaums" bewusst - ein Symbol elementaren Widerstehens. Zuvor war er auf die Eiform als archetypische Form, als "Ursprung alles zum Leben Drängenden" gestoßen, die er für den rhythmischen Aufbau seiner Plastiken nutzte. Früh floss in seine Arbeit auch das elementare Naturerlebnis vom Felsenmeer der Sächsischen Schweiz ein, das er auf Ausflügen als Kind empfing. Neben der Gesteinsform interessierten ihn auch deren Struktur und Tektonik. Immer haben die bizarren Felsendome etwas Figürliches und umgekehrt, wie man es besonders an den Bildzeichnungen Försters erkennen kann.
   
Neben den von Leid und Verletzung geprägten Figuren des von Apoll gehäuteten "Marsyas" (Jahrhundertbilanz, 1999) sind es vor allem Figuren der griechischen Mythologie, Mänaden, Daphnen und Niken, die als stehende Torsi eine Referenz an die sinnliche Schönheit des weiblichen Körpers darstellen, der als Akt oder Paargruppe auch in profane, liegende oder sitzende Bronzen umgesetzt wurde. Hier wird die Körperform zum Gleichnis und bestätigt Försters Auffassung vom "Inhalt der Form", derzufolge jede Form eines Dinges eine schlüssige Offenbarung von elementaren Inhalten ist (Liegende, um 1980, Bronze).

In einer Vitrine der Galerie ist neben Kleinbronzen, die das Thema der großen Plastiken aufnehmen, auch eine Miniatur seiner am Laubegaster Ufer stehenden Bronze "Die Elbe" zu sehen, die durch eine 2008 erschienene Silber-Münze mit gleichnamigen Relief ergänzt wird.

SAX - Das Dresdner Stadtmagazin, Heft 7/14
Prof. Dr. Bernhard Maaz

Gestalten
Galerie Himmel zeigt Arbeiten von Wieland Förster - Zeichnung als Schenkung fürs Kupferstich-Kabinett

Das Leben Wieland Försters, der 1930 in Dresden geboren wurde, kann man auf zweierlei Weise lesen: als das kontinuierliche, schöpferische Wirken eines Zeichners, Bildhauers und Autors – oder aber als eine Biografie, die von Widerständen, Zwängen, Erschütterungen gesäumt, überschattet und geprägt ist. Reibungen mit der Zeitgeschichte und mit Diktaturen gab es allemal, seien es die bitteren Kriegserfahrungen, die Inhaftierung in der Nachkriegszeit oder die politischen Arbeitsbehinderungen ab den späten 1960er Jahren. Andererseits ergaben sich aber auch viele Chancen, so die Zeit als Meisterschüler bei Fritz Cremer 1959/61, die Tunesienreise 1967, das Amt als Vizepräsident der Ostberliner Akademie der Künste ab 1978, die Mitwirkung an der Gründung der Sächsischen Akademie der Künste 1996 oder die Ehrendoktorwürde der Potsdamer Universität 2010.

Im Buch „Seerosenteich“ von 2012 beschreibt Förster, wie er als Kind seine Umgebung erlebte: „draußen war feindliche Welt“. Sogar in der eigenen Familie wurden problematische Erfahrungen verschwiegen, und seien es auch nur die Hetzjagden der Altersgenossen. Das Hineinwachsen in Verschwiegenheit, Verlogenheit, Ängste, Verluste prägte Försters künstlerische Ausdrucksformen ebenso, wie es sein mühsames Bewahren der Integrität beförderte: Figuren, die sich abschirmen, die den Blick himmelwärts flüchten lassen oder fragmentiert sind, waren lange ein Kernthema des Künstlers.

Wieland Förster war trotz zeitweiliger Eingrenzung kein ausgegrenzter Künstler, wie seine Teilnahme an dem Wettbewerb zur Ausgestaltung des Dresdener Kulturpalastes von 1969 zeigt, zu dem er eingeladen war. Man kann freilich dankbar sein, dass seitens der politischen Entscheidungsträger dafür gesorgt wurde, dass dann der Dresdener Hochschulrektor Gerhard Bondzin jenen Auftrag bekam, der in dem Wandbild „Der Weg der roten Fahne“ mündete: Förster hätte sich den Prozeduren schwerlich gern ausgesetzt, deren Kulminationspunkt die Abstimmung mit Walter Ulbricht werden sollte. Wie hätte Förster Opposition und Opportunität ausbalancieren können? Er blieb bei seinen Figuren, seiner Auffassung, die die Gestalt grundsätzlich aus elementaren Formen, aus der Ei- oder Ovalform entwickelt. Die so entstehenden mannigfaltigen Rundungen werden – ob glatt oder aufgeraut – zur Spielfläche von Licht und Schatten, Bewegung und Ruhe.

Die Figuren bleiben thematisch einer grundsätzlichen skeptischen Disposition verpflichtet: Gefesselte, Stürzende, Gefolterte, Geschlagene formen einen Zyklus von Martyrien und Martern. „Ecce Homo“ und „Jeremias“ geben der Trauer und dem Schmerz biblische Gesichter. Sie verdrängen über weite Strecken die Ruhenden, Liebenden und Schlafenden. Künstlerisch vorbildhafte Bezugsgrößen fand Förster bei Michelangelo, Rodin, Giacometti, Hrdlicka. Die herbe Formsprache der auch in der Bronze noch kantigen und karstigen Oberflächenstrukturen fand er aus sich selbst.

Mit „Marsyas – Jahrhundertbilanz“ von 1999 schuf Förster ein chiffrenhaftes Bild: Die Welt steht Kopf, der Sänger, der der Konkurrenz des göttlichen Apoll im musikalischen Wettstreit unterlag, wurde kopfüber aufgehängt, geschunden und gehäutet. Förster wählt nicht den zuletzt erlösten Prometheus zum Inbegriff des leidenden Künstlers, sondern den am Ende getöteten Marsyas.

Das modifizierende Weiterarbeiten an gestischen Ideen über Jahre und Jahrzehnte gehört zur Arbeitsweise Försters. Der „Torso der Großen Neeberger Figur“ wurde aus der schon 1962 entworfenen, narrativeren Gestalt einer „Hemdausziehenden“ entwickelt. Dabei entstand eine schmerzhaft gelängte und gestreckte Gestalt, deren insektenhaften Einschnürungen und harten Konturen eine manieristische Komponente enthalten. Sie will wohl sogar Erinnerungen an die Kunst der Louise Bourgeois und der Germaine Richier wecken: Ausgerechnet zwei der obsessivsten, individuellsten Bildhauerinnen des 20. Jahrhunderts erweisen sich als Geistes- oder Seelenverwandte.

Der Torso blieb Försters zentrales Thema. „Aufrechter weiblicher Torso“ von 1987 versteht sich als Bild der Ab- oder Hinwendung, als Sinnzeichen der Verletzlichkeit. Wieder gehen die gestalterischen Wurzeln weit zurück, so zur liegenden Ganzfigur der „Großen Badenden“ von 1971, die der Künstler selbst als das „Ergebnis eines glücklichen Sommers“ bezeichnete. Wir vernehmen es wohl: Förster war und ist auch glücksfähig, nicht nur leidensbewusst! Dennoch – bei allem Glück – herrscht in all diesen Figuren eine schmerzliche Anonymität, die nicht nur aus der Absenz von Gesichtern herrührt, sondern auch aus der der Reduzierung der Gestik, aus der Fokussierung auf die minimalen Vibrationen der Leiblichkeit.

Auf eben sie, die Körperlichkeit, hat Förster es mit der Statuette „Kleine übermütige Frau II“ von 1986 abgesehen, einer Mänade mit untergeschlagenen Beinen, aufgegipfeltem Rumpf, absinkendem Kopf. Der Körper spricht von Leiblichkeit, Selbstvergessenheit, Erdverbundenheit.

Das Oeuvre bietet mehr: Da ist das Relief „Umarmung“, getragen von einer michelangelesken Formendrängung, oder das Relief einer Schlafenden, die sich als eine Paraphrase aller Liegefiguren seit den Medicäergräbern in Florenz lesen lässt. Und es gibt Schöpfungen wie „Kleines Paar“ und „Liegende“, die teils Auguste Rodins Skizzenhaftigkeit, teils sogar seine Assemblagetechnik nachklingen lassen. Mit der zweiköpfigen Plastik „Abschied“ verabschiedete sich Förster 2007 vom Metier der Plastik. Was ihm blieb, waren die Arbeiten auf Papier und das Schreiben.

Förster notierte schon früh: „Es sind immer nur wenige Erschütterungen, die so tief ins Zentrum dringen, daß sie Bild werden können, aus denen später das Werk reift. (Vergleichbar sind sie dem Sandkorn im Fleische der Muschel, um das sich, Schicht um Schicht, die Perle bildet: Perle als Produkt einer Verletzung.“ Er ist wie der wenig ältere Gerhard Altenbourg, der ab 3. Juli im Kupferstich-Kabinett gezeigt wird, und wie der dem gleichen Jahrgang zugehörige Carlfriedrich Claus ein kritischer, schöpferischer Geist, der die fatalen Erfahrungen des Jahrhunderts gemacht hat und ihnen Gestalt gab, der aber auch die wunderbare Chance hatte, sich gestaltend über die Bitterkeiten hinwegzuarbeiten und dem Menschen zu seiner Menschlichkeit, Leiblichkeit, Individualität, seiner Expressivität und Intimität zurückzuverhelfen.

Dresdner Neueste Nachrichten, 1. Juli 2014

Galerie Himmel

Aktuelle Ausstellung

Klaus Drechsler - Vita brevis
22. Mai - 18. Juli 2020

Die Ausstellung begleitet
ein reich bebilderter Katalog 
mit Texten von Anke Fröhlich-
Schauseil, Jördis Lademann
und Frank Oehmichen