Teaser Andreas Wachter - Gestrandet | Ausstellung | Galerie Himmel

Andreas Wachter – Gestrandet

Ausstellung  |  1. Dezember 2018 – 26. Januar 2019

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Laudatio

Man braucht nun wahrlich nicht diese kleine Eröffnungsrede, um zu bemerken, dass es in der Bilderwelt der großen Leipziger Figurenmaler ein gemeinsames Credo gibt. Ein Credo, dass nur ihnen verbindlich ist, den am Verbrieften festhaltenden Meistern, trotz aller auflösenden Beliebigkeiten. Es ist das ein Arkan- und Referenzwissen der Eingeweihten, wenn man so will, dass sie vor Dritten verbergen, um es nicht zu verlieren. Wer Interviews (nicht Kaufgespräche) mit Künstlern dieser Güteklasse führt, wird meine Einschätzung vielleicht teilen. Jene höflich-halbdistanzierte Abwehr vor analytischer Ausleuchtung geschieht dabei mit vielerlei Mitteln. Diese reicht von schalkhaft-grotesker Maskerade bis hin zu einer genialischen Selbstinszenierung - Momente, die sich nicht nur im Gespräch, sondern auch in der Bildwelt ausmachen lassen. Und manchmal findet dieser Versuch des Verbergens auch in den Selbstbildnissen seinen Ausdruck.

Dieses für den Außenstehenden fast mystisch wirkende Bindungskapital der großen Leipziger Figurenmaler, zu denen Andreas Wachter zweifelsfrei gehört, mag sich der Neugierige wie eine Geheimbibliothek oder einen Fundus vorstellen. In deren Segmenten scheint ein Mikrokosmos an abgelegter Lebens- und Objekterfahrung darauf zu warten, vom Staub des Vergessens befreit zu werden. Aber nicht jeder gelangt hinein, nicht jeder erhält Schlüssel und Chance. Denn die Voraussetzung dafür ist der Zugang zu ihm - und der wurde früher nicht mit der Diplomurkunde oder dem mittlerweile inflationär gewordenen Status des Meisterschülers verliehen, und er kann heute schon gar nicht mit dem eitlen Verweis auf Marktrankings und Auktionsergebnisse erreicht werden. Alles in einem zählt in diesem komplexen Gebilde der Leipziger Schule nur eines - die Akzeptanz der Protagonisten in der generationellen Rangfolge eines unabgeschlossenen Projektes.

Wer sich vor diesem Hintergrund dann einmal auf die faszinierende Genealogie der "Leipziger Schule" eingelassen hat, wird jedenfalls staunen können wie sich die Besten ihrer Jahrgänge über jedwedes lineare Zeit-Raum-Verständnis hinwegsetzen, um im Strudel verwirbelter Quellen sich untereinander wie Eingeweihte über Bilder zu verständigen, ohne auch nur ein Wort im Miteinander zu verlieren.

Der Maler Andreas Wachter hat sehr früh einen Code für diese verborgenen Räume und Sphären in diesem bis heute nicht bröcklig gewordenen Olymp erworben. Er steht wie andere seines Jahrgangs 1951 zwischen der zweiten und der dritten Generation der Leipziger Schule, etwa zwischen Arno Rink und Neo Rauch, um es mit Namen faßbar zu machen. Und Andreas Wachter hat diese Sonderlage, dieses Verkeiltsein zwischen den Auftritten der Vielen, zu einem solitären Kraftzentrum entfaltet. Dies gelang vielleicht auch deshalb, weil er, konstellationsklug, seinen Schaffensort nicht ins Leipziger Musikerviertel verlegte und die Umbrüche an der Hochschule für Grafik und Buchkunst somit nicht zu seinen biographischen machte.

Schon seine frühen Bilder belegten aber die gesuchte und erlangte Zugehörigkeit zu den Leipziger Malern - man mag sich hier nur an das lakonisch "Ausbau" genannte Konstellationsbild einer gleichzeitig verlaufenden Kreuzan - und abnahme erinnern, 1985 entstanden, dass auf der X. Kunstausstellung im Dresdner Albertinum zu einem der wichtigen Werke gehörte und von manchem als Aufruf zur Überwindung der Mauer durch Leitern interpretiert wurde. Oder man kann an Andreas Wachters frühe Vorliebe zur Welt der unbotmäßigen Musikanten denken. Mit Bildern von Rockmusikern und Liedersängern kontrastierte er damals die biblisch-christlichen Motivadaptionen durch eine bodenständig-lapidare Geste. Es ist ein schöner Zufall, wenn es denn wirklich Zufälle gibt, dass in dieser Ausstellung die Arbeit zum "Mr. Tambourin Man" von 1986 zu sehen ist. Dass Andreas Wachter ab Mitte der 1980er Jahre in der Hemisphäre der Leipziger Künstler als einer der potentiellen Nachfolgemeister galt, mag man auch darin erkennen, dass einer seiner prägenden Lehrer, Volker Stelzmann, seinerzeit diese Balance zwischen profaner Pose und sakraler Raumdeutung ebenso zelebrierte - und genau wie sein Schüler fast gleichzeitig seine große Kreuzabnahme und ein Porträt der Leipziger Punkband "Wutanfall" auf die Leinwände brachte bevor er die DDR verließ.

Es ist schon viel gesagt und noch mehr geschrieben worden über die malerische Grandezza dieses nun ausgerechnet an der Freiberger Mulde lebenden Meisters Andreas Wachter. Dem muss hier nicht die xte Wiederholung folgen. Manches gute Wort fiel auch schon über seine kunsthistorischen Referenzen an den venezianischen Manierismus, die gekonnte Beherrschung szenischer Hell-Dunkel-Dramaturgien oder das barocke Leidenschaftsmomentum. Kennzeichen, die zweifellos den Maler betreffen aber genauso zu einem Markenkern der Leipziger Schule insgesamt gehören.

Man könnte diese Liste der Eigenheiten aber fortsetzen über die auch in dieser Ausstellung wahrnehmbaren Parallelsequenzen der gewählten Motivlandschaften. Da sind einerseits die Sehnsuchtsräume.
Hassgeliebte Motive für die sich früher nach Italien träumenden und dann wirklich fahren könnenden Leipziger Künstler. Denen, wie im Fall Wachters, unermüdliche Vor-Ort-Studien zwischen Sizilien und Rom nach der sogenannten "Wende" folgten. Diese erzeugten ein Weltwissen, dem sinnliche Anschauung vorausging.

Das zeigt sich künstlerisch etwa am Topos des Strandbildes, dass dieser Ausstellung mit dem Titel "Gestrandet" ihren Namen gab - und in den zahlreichen Werken Behandlung findet. Im Beharren auf den Strand als einem imaginären Kulissen- und Grenzraum wurde in der Leipziger Malerei der harte Bruch des Systemwechsels durch ein künstlerisches Kontinuum überlagert. Somit sind wir heute in der glücklichen Lage mit Andreas Wachter künstlerische Wechselbäder zu erleben, die von den Stränden der Insel Rügen bis zu jenen der liparischen Inseln reichen. Ganz so wie das Altmeister Werner Tübke bereits Anfang der 1970er vorleben konnte als er die kalte Ostsee mit dem wohltemperierten Mittelmeer wechselte, ein Wechsel, der heute freilich nicht mehr als unschuldig abzutun wäre.

Aber das mag für den an Eindeutigkeit interessierten Beobachter ein äußeres Geschehen bleiben. Wichtig und im Falle Wachters wohl abgesicherter ist andererseits das Gebundensein in Rückhalt gebende Grundstrukturen. Deren Zentrum besteht, wie bei so vielen Malern der Leipziger Schule, im Prinzip einer Künstlerehe. Jener Überlagerung von privatimen und kollektiven Kausalitäten fand in der Leipziger Schule nicht nur eine institutionelle Akzeptanz, indem sie Kunstgeschichte in Familiengeschichten und umgekehrt übersetzte. Ganz in diesem Sinne finden wir auf den programmatischen Bildern dieser Ausstellung auch Familientableaus. Wir schauen in der zentralen Blickachse auf Wachters Töchter Amalia und Magdalena, oder sind ganz nah an den geschützten Orten heimatlicher Gebundenheit. Diese Thematisierung des unmittelbaren Umfeldes geschieht nicht in versteckter Symbolik, sozusagen als Modellersatz, sondern vielmehr im festen Glauben, dass in diesem, nur scheinbar kleinen Lebensausschnitt das ganze Mirakel der Existenz viel deutlicher aufleuchten mag als in vielen der historienhaften Panoramen, die für andere Leipziger zu einem Markenzeichen wurden.

Um den eingangs erwähnten "Fundus" (so hieß im Übrigen ein programmatisches Bild des Künstlers) noch einmal zu strapazieren: Bei Andreas Wachter wie bei einigen seinen Leipziger Malerkollegen zeigt sich, dass das zirzensische Vorzeigen der beherrschten Mittel in den reiferen Jahren einer Malhaltung weicht, die man nicht als Effizienz fehl interpretieren sollte. Es ist vielmehr die Erkenntnis, dass die Magie in der Andeutung des Komplexen liegt. Als Arno Rink, der zweite Lehrer Wachters, sich in den letzten zehn Jahren seines Schaffens fast unmerklich von allen Fremdmotiven löste und nurmehr nur noch sich selbst malte, war dies gekoppelt mit der Freiheit zur radikalen Weglassung. Es war gewissermaßen der stoische Blick in den Abgrund der künstlerisch manchmal bis unter die Grundierung reichte.

Auch bei Andreas Wachter, obwohl noch ein Mann in den besten Jahren, ist dies beobachtbar, etwa im Großformat "Schlaf" (2018), in der die Charakterisierung einer Traumschattenfigur das Antlitz einer materialen Auslöschung trägt. Auch in seiner "Überfahrt" (2018), in der ein beseelter Schleier über den Schemen des Transfers zwischen den Welten liegt, ist diese Essenz spürbar. Im Übrigen auch in der Konnotation des Steckens, der in vielen Bildern Wachters als Wander-, Jonglier- oder Malerstab, bisweilen auch als zur Konditionierung geeignetes Stöckchen, seinen Auftritt als mythische Bruchkante hat oder auch nur mit Vertikalenergie den bildgestaltenden Zweck erfüllt.

Wie immer man den Erfolg der sogenannten "Neuen Leipziger Schule" interpretieren mag, deren Akteure letztlich die vierte Generation im Komplex der "Leipziger Schule" bilden: ihr Erfolg ist eben nicht durch die Gunst neuer Verhältnisse entstanden, wie manche Einfältigen meinen, sondern im Gegenteil weit eher durch den befeuernden Blick in das Arsenal der anderswo fast vergessen scheinenden alten oder auch nur älteren Maler erlangt worden.

Andreas Wachter hat als wichtige Brückenfigur zwischen den Leipziger Generationen diese Haltung zur Malerei und zu ihrem Material bewahren helfen. Das geschah dadurch, dass er im Wandel festhielt an dem für ihn Unverrückbaren. Seine unbeirrbare Hinwendung zur menschlichen Figur mit ihren bizarren, erhabenen oder auch nur alltäglichen Momenten bietet kein Gefühl des platten Wiedererkennens, sondern die Chance, im Strudel des Lebens seine Kompassnadel immer wieder aufs Neue auszurichten - auch wenn die Nordung dann eine Südung bleibt.

Vielen Dank!

Dr. Paul Kaiser, Eröffnungsrede am 30.11.2018

Herta Günther - C`est la vie | Ausstellung | Galerie Himmel

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Herta Günther - C`est la vie
11. Mai - 17. August 2019

Vernissage
Freitag, 10. Mai 2019, 19 Uhr

Einführung: Michael Wüstefeld, Lyriker und Essayist, Dresden

Musik: Florian Mayer, Violine
und Michael Kaden, Akkordeon