Andreas Wachter - Vor dem Herbst  

Ausstellung | 2. Oktober - 13. November 2010 

Einführung 

Andreas Wachter wurde 1951 in Chemnitz geboren. Nach der Ausbildung zum Schrift- und Plakatmaler hat er 1974-80 bei den Professoren Volker Stelzmann und Arno Rink an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studiert. Anfang der 1980er Jahre zog sich Wachter mit seiner Familie nach Erlln zurück, einem kleinen Dorf an der Freiberger Mulde. Dort lebt und arbeitet er bis heute.

In seinem seit drei Jahrzehnten folgerichtig wachsenden Werk verbindet sich die in Leipzig geschulte Zeichenkunst mit einem außergewöhnlichen Kolorismus eigener Prägung und einer profunden kunsthistorischen Kennerschaft. Andreas Wachter ist mit seinem absolut eigenständigen Stil und seinen immer wieder überraschenden Bildfindungen heute zu den interessantesten Malern zu rechnen, welche von der Leipziger Schule abstammen.

Dreh- und Angelpunkt seiner Kunst ist das figürliche Gestalten. So steht in seinen Bildern die menschliche Figur im Mittelpunkt. Wie zufällig bevölkern Familienangehörige, Freunde, Nachbarn und Unbekannte die Interieurs, die Alltagsszenen oder die weit gespannten Landschaften. Sie erscheinen oft introvertiert, öffnen sich höchstens reduziert, bewegen sich im Raum, nicht selten auf einen bestimmten Punkt hin zu einer beklemmenden Enge verdichtet. Dann eine wie zufällige Begegnung, eine kurze Berührung, ein Moment menschlicher Nähe und schließlich das Weitergehen, die Trennung. Auch wenn die Verbindung der Figuren untereinander nicht immer klar wird, so sind diese doch nicht beziehungslos. Andreas Wachter hat die bei solchen Figurationen entstehende besondere Stimmung einmal verglichen mit dem stummen Einverständnis und dem Gleichklang, den Musiker beim gemeinsamen Improvisieren erreichen. Es ist ein gemeinsames Handeln, ohne das die Mitwirkenden direkt miteinander agieren müssen. Fast wie auf alten Bildern der Kreuzabnahme, wo Handlung, Sinn und Ausdruck des zu vollbringenden Werks von allen Protagonisten gemeinsam getragen werden.

In den Landschaftsbildern gehen die Figuren dann doch eine stärkere Verbindung mit dem Raum ein, denn die Landschaft hat hier Priorität. Und so verstellen die Figuren nicht den Blick in die Tiefe der Landschaft und stören die Ruhe der Orte nicht. Sie werden Teil der Landschaft und gehen in sie ein.

„Vor dem Herbst“ lautet der Titel, den der Künstler selbst zur Ausstellung beigesteuert hat. Ein Herbst steht uns tatsächlich ins Haus, ein sonniger Herbst hoffentlich, der uns noch ein wenig für den verregneten Sommer entschädigt. Einen metaphorischen Herbst sieht aber auch der Künstler selbst vor sich, der im kommenden Jahr seinen 60. Geburtstag feiern wird. Einen Lebens-Herbst, für den wir - um im Bild zu bleiben - mit reicher Ernte, später Farbenpracht und erneuter Bilderfülle rechnen wollen.

„Vor dem Herbst“ wäre allerdings auch eine passende Überschrift für die Folge von 5 Sommerbildern gewesen, die Sie hier versammelt sehen. Diese Strandbilder entstanden während der Ferien, die Andreas Wachter im Kreis seiner Familie auf einer Insel an der istrischen Küste verbrachte. Es sei am Rand erwähnt, das der Künstler es einzurichten wusste, eine Familie mit auf die Insel einzuladen, die ihm daheim oft Modell sitzt, so dass er „seine“ Modelle gleich dabei hatte. Die Bilder schwelgen natürlich in den herrlichen Lichtfarben der Adria, führen aber auch anhand der unweigerlichen Aktfiguren die Virtuosität vor Augen, mit der Wachter den menschlichen Körper modelliert und ihn in oft antikisch anmutenden Posen in seiner Vollkommenheit feiert.

In dem Bild „Abend“ sitzt ein im Vordergrund gegebener Rückenakt vor dem bis ins Unwirkliche hinein gesteigerten Blau des Himmels. Der Anblick des Paares mit dem gelben Sonnenschirm im Bildmittelgrund löst sich in der flirrenden Luft regelrecht auf, so dass ein Grenzziehung zwischen Illusion und Wirklichkeit unmöglich scheint. Bei den Landschaften „Riff“ und „Leuchtturm“ werden Bezüge zu deutschen Romantik tatsächlich greifbar, die man Wachter immer gern unterstellt hat.

Die Malerei von Andreas Wachter verführt das Auge. Die kostbare Farbenpalette ist eine der großen Stärken dieser Malerei. Und das kommt nicht von Ungefähr. Es ist faszinierend, wie sich Wachter in Anschauung beispielsweise eines barocken Andachtsbildes für die ausgewogene Balance von drei Farbtönen begeistern kann. Genau das macht den Kolorismus seines gesamten malerischen Werks aus. In altmeisterlich lasierender Malweise wird das vorherrschende bläulich-graue Kolorit zunehmend durch kräftig leuchtendes Rot erweitert und kontrastiert. Dazu schafft Andreas Wachter mit einer frappierenden Lichtregie in der Tradition sowohl des venezianischen Manierismus als auch des römischen Barock eine dramatische Hell-Dunkel-Malerei, die lichtdurchflutete Partien in direkten Kontrast zu nachtschwarzer Finsternis setzt.

Seit 5 Jahren widmet sich Andreas Wachter neben der Malerei auch der Plastik, die mit 10 Terrakotten und 3 Bronzen in der Ausstellung vertreten ist. Für Außenstehende hat er wie aus dem Nichts und mit überraschender Selbstverständlichkeit einen neuen Werkkomplex begonnen, den die Liebhaber seiner Kunst nicht mehr missen möchten. Wachter selbst sieht das anders, denn für ihn war das dreidimensionale Verständnis der Figur zwingende Voraussetzung schon beim Malen. Jedenfalls ist das Entstandene stimmig und scheut den Vergleich mit Werken ausgebildeter Bildhauer keineswegs.

Wenn Andreas Wachter überhaupt über seine Arbeit spricht, dann spricht er über sie als etwas Selbstverständliches, als das gewissermaßen Notwendige und durch nichts in Frage zu Stellende. Er sagt dann Sätze, wie:

Es gibt für den Maler oder Künstler eigentlich keine Regel, er kann, und das ist sein großes Plus, alles nach seinem Willen gestalten, aber es bleibt letzten Endes immer nur Material, es wird nichts anderes.

Das klingt nun fast so, als handele es sich um reine Physik. Und es wirft einen interessanten Aspekt der Selbstbescheidung auf, der aber durchaus nicht darin liegt, sich in reiner Mimesis, in buchstabengetreuer Abbildlichkeit zu beschränken. Ganz im Gegenteil! Die Repetition des einstudierten Vokabulars klassischer Bildsujets wie Landschaft, Interieur, Porträt oder Stilleben interessiert ihn nicht. Ihn interessieren keine ausschnitthaften Wiedergaben der sogenannten Wirklichkeit. Ihn reizen stattdessen visuelle Sensationen, die seine Aufmerksamkeit fesseln und denen er sich nicht entziehen will. Das kann die Haltung einer Figur oder ein anderes Detail aus einem Gemälde des 17. Jahrhunderts sein. Das kann eine ungewöhnliche Lichtstimmung oder eine seltsame Überblendung mehrerer Handlungen sein. Das können aber auch Ausschnitte aus Alltagsszenen von bizarrem oder komischem Charakter sein. Für all diese Dinge hat Wachter im Laufe seines Lebens eine überaus empfindliche Sensorik entwickelt, die auf die kleinsten Abweichungen von dem Gewohnten und Erwarteten reagiert, sie speichert und in seiner inneren Welt in Beziehung zu Gedanken oder Empfindungen setzt, die er in seinen Bildern gar nicht öffentlich verhandeln will.

Nicht selten zeichnet Andreas Wachter eine von ihm geschilderte Situation, eine Wahrnehmung oder Skurrilität mit den Worten aus, dies sei „ganz merkwürdig“ gewesen, oder er konstatiert, es habe durch irgendeinen Umstand „etwas ganz Merkwürdiges“ bekommen. Darin darf man einen Hinweis sehen, dass uns der Maler seine Bilder nicht etwa mutwillig verrätselt, um mit sinnlos-kryptischen Verweisen billig Bedeutung zu erheischen. Vielmehr äußert sich hier ein ganz fundamentaler Sinn für Metaphysik, für das Rätselhafte und Unerklärliche, für die verborgenen Schätze einer oberflächlich betrachtet unauffällig „normalen“ Welt.

Dabei scheinen die Geheimnisse unseres Daseins in seinen Bildern gar nicht einmal so sehr verstanden oder gar analytisch seziert zu sein. Nein, er sammelt mit sicherem Gespür die Verdachtsmomente auf eine Wahrheit hinter dem bloß Sichtbaren und schließt sie in seinen Bildern ein. Er konserviert diese wunderbaren Momente wie Traumsequenzen in bisweilen berückend schönen Bildern, die wie Aquarien in einem abgeschlossenen Universum die exotischsten Exemplare einer fremden Welt bewahren.

Anja Himmel

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