Agathe Böttcher, Meine Jugendstilvase mit Mohn, 1972, Collage mit Blüten

Meine Jugendstilvase mit Mohn ∙ 1972 ∙ Collage mit Blüten 

Agathe Böttcher, Das weinende Mädchen, 1990, Collage, Monotypie

Das weinende Mädchen ∙ 1990 ∙ Collage & Monotypie

Agathe Böttcher, Landschaftsstruktur II,  1981, Tusche

Landschaftsstruktur II ∙ 1981 ∙ Tusche 

Agathe Böttcher, Der rosa Blumenstrauß,  1978, Collage

Der rosa Blumenstrauß ∙ 1978 ∙ Collage

Agathe Böttcher, Insekt, 1966, Monotypie

Insekt ∙ 1966 ∙ Monotypie

Agathe Böttcher, Zwei Gesichter, 1980, Radierung

Zwei Gesichter ∙ 1980 ∙ Radierung

Agathe Böttcher - Schon blüht die Herbstzeitlose meiner Seele  

Ausstellung | 30. Mai - 25. Juli 2009 

Einführung 

Agathe Böttcher zum 80. Geburtstag

„Schon blüht die Herbstzeitlose meiner Seele" - diese Verszeile aus dem Gedicht „Weltflucht" von Else Lasker-Schüler entwirft im Leser zwei sich überlagernde Bilder: Das erste ein alterndes Geschöpf - sei es Pflanze, Tier oder Mensch -, dem im Herbst seines naturgegebenen Daseins noch die seltene Gnade von später Blüte und wirkendem Leben zuteil wird. Das zweite eine autarke melancholische Seele, die aus einer schöpferischen Urkraft in sich und aus sich heraus etwas Hoffnung und Liebe Verheißendes zur Blüte bringt. Beide, die späte Blüte und die schöpferische Urkraft, sind uns als schöne Sinnbilder für eine Dresdner Künstlerin willkommen, die dieses Jahr ihren 80. Geburtstag feiert und der die Kunsthandlung Koenitz diese Jubiläumsausstellung zum Geschenk machen möchte: Agathe Böttcher.

Im Jahre 1929 geboren wuchs Agathe Böttcher in Bautzen in einem musisch inspirierten Umfeld auf. Das junge Mädchen erhielt ersten Zeichenunterricht durch den mit dem Vater befreundeten Maler Rolf Friedmann. Mit 17 Jahren kam sie 1947 in das zerstörte Dresden, um an der Hochschule für Werkkunst bei Barbara Schu Applikation, Stickerei und Zeichnen zu studieren. Später, 1954, machte sie ihr Diplom in Textilgrafik bei Rudolf Högner an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee.

Doch war zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass sie sich mitnichten auf Textilkunst im herkömmlichen Sinne beschränken lassen wollte. 1951 hatte sie Jürgen Böttcher kennen gelernt, den sie wenig später heiratete. Der Maler und Dokumentarfilmer, bekannter unter seinem Pseudonym Strawalde, verschaffte ihr Zugang zu einer kleinen Gruppe von Künstlerfreunden, die sich unter den Schülern seines fast schon legendären Volkshochschulkurses zu bilden begann. Neben Ralph Winkler (dem späteren A. R. Penck) gehörten Peter Makolies und Peter Herrmann dazu. Nicht zuletzt auch der in Dresden ebenfalls wohlbekannte Maler Peter Graf, mit dem Agathe Böttcher eine lebenslange Freundschaft verbindet. Hier fand Agathe Böttcher Gleichgesinnte, mit denen sie in den 1950er und 1960er Jahren einen intensiven schöpferischen Austausch pflegte. Die tiefen Eindrücke dieser Jahre bewahrten sie zeitlebens vor allzu engen Horizonten und befähigten sie zu einem in dieser Form unvergleichlichen Werk.

Zugleich gewährte eine Dozentur an der Sektion Architektur der Technischen Hochschule in Dresden die wirtschaftliche Grundlage für ihr unabhängiges künstlerisches Schaffen. Zwei Jahrzehnte lang, zwischen 1958 und 1979, lehrte sie dort Innenraumgestaltung mit dem Schwerpunkt Farbe. Auch danach hatte sie als freischaffende Künstlerin Lehraufträge zur Farbe im Innenraum an der TU sowie zu Farbe und Collage an der Abendschule der Hochschule für Bildende Künste inne.

Es gibt neben Agathe Böttcher kaum einen anderen Künstler, in dessen Oeuvre Gemälde, Zeichnung, Druckgrafik, Collage und überdies Textilcollage derart gleichberechtigt und folgerichtig nebeneinander stehen. Und in allen diesen Techniken offenbart sie sich als wahrhaftige Malerin. Sie ist, wie sie es selbst einmal formulierte, eine „Malerin in Materialien". Ihr sprechendes Herz teilt seine Anteilnahme am Naturgeschehen und am Menschlichen mit. Ihr ordnendes Auge weiß dabei um prägende Begegnungen mit den großen Malern der Moderne wie Picasso, Chagall, Leger oder Van Gogh. Unter ihren kundigen Händen fügen sich die allerverschiedensten Stoffe und Materialien zueinander, ohne die ihnen eigene Stofflichkeit und Sprache zu verlieren.

In einem Katalogbeitrag von Regina Niemann aus dem Jahr 1995 findet man diesen Werkprozess so beschrieben:

"... schon in den frühen Arbeiten zeigt sich eine visionäre Welt von belebten Landschaften, deren Farben ein phantastisches Eigenleben führen. Oft sind sie mit der Tube auf die Leinwand gedrückt, so daß eine strukturierte Oberfläche entsteht, die in ihrem Schwingen und Flirren die Leidenschaft und Sinnenfreude wiedergibt, mit der Agathe Böttcher die Natur erlebt. Diese lebenssprühenden Bilder haben eine wunderbare poetische Ausstrahlung von suggestiver Leichtigkeit, und die eigenwillig stofflichen Strukturen, aus den die Stimmung erwächst, wandeln sich im Textilen, im Grafischen und in der Collage, ohne ihre Tiefe zu verlieren, zu ornamentalen Sinngeschichten."

Agathe Böttcher hat sich mit ihren Bildern als eine unverwechselbare wesenhafte Stimme in den Chor der Dresdner Kunst eingereiht. Ihre Bildsprache wurzelt tief in der Dresdner Malerei und hat elementare Anregungen von Dresdner Malern wie Wilhelm Lachnit, Hans Jüchser oder Hans Grundig erfahren und verarbeitet. Zeitweise kommen die Arbeiten der Böttcher der Bildsprache des kürzlich erst für die Öffentlichkeit wiedergewonnenen Albert Wigand nahe, bis sie sich aus einer inneren Notwendigkeit heraus in eine andere Richtung weiter entwickelt. Schließlich hat sie auf Künstlerpersönlichkeiten gewirkt, von denen mit den Malern A. R. Penck, Peter Graf, der Jugendfreundin und Fotografin Evelyn Richter sowie der Textilkünstlerlin Annemarie Balden-Wolff nur die wichtigsten genannt sein sollen.

Agathe Böttchers „Malerei in Materialien" wirkt ausgesprochen wahrhaftig. Ihre Bilder - egal ob Stoffcollage, Tuschzeichnung, Ölbild oder auch Radierung - sind tief empfunden und nicht ängstlich kalkuliert. Sie sind Hymnen an das Leben. Und sie atmen einen künstlerischen Geist, der sich gegen Vereinnahmungen jedweder Art eine Eigenständigkeit bewahrte, wie sie in der jüngsten deutschen Kunst- und Kulturgeschichte durchaus nicht selbstverständlich ist.

Der Kunstwissenschaftler und Schriftsteller Lothar Lang, ein bedeutender Kenner der ostdeutschen Kunst, fällte 1971 das folgende nach wie vor gültige Urteil:

"Bei Agathe Böttcher ist das aber nicht bloß handwerkliche Übung, sondern Kunst. Es geht ihr nämlich nicht um Technik, vielmehr um Ausdruck im Material, also um Poesie, die den Mitteln und Möglichkeiten des Textils entlockt wird. Spitzen, Borten, Brokate, Tüll, Seiden und Wollstoffe werden weder um ihrer selbst willen noch aus irgendwelchen Fleißgründen appliziert, sondern um etwas über die Schönheit im Alltag auszusagen. Ähnlich ist es mit den Collagen, denen nicht selten Blütenblätter und Vogelfedern aufgeklebt sind. Jede dieser Arbeiten ist so etwas wie eine Liebeserklärung an die Natur und an die Kunst. - Zuerst liest man die Gegenstände ab, sie sind schnell bestimmt, sodann verliert sich der Blick in Details, er erfaßt das aufgelegte Material, freut sich an dessen rauher oder glatter, dünner oder dicker Oberflächenstruktur, er folgt auch den großen Stichen, mit denen die Stoffreste aufgenäht sind. Die Stiche halten nämlich nicht nur fest, sie bedeuten auch etwas, sind zwirniges Ornament und farbig nicht ohne Reiz: textile Farbgrafik."


Die der Ausstellung vorangestellte Gedichtzeile „Schon blüht die Herbstzeitlose meiner Seele", ist tatsächlich nicht nur Sinnbild für eine in ihrem Alter noch fruchtbare Künstlerin. Darüber hinaus besteht eine starke Affinität seitens der Malerin, die in der jüdischen Dichterin vor Jahrzehnten schon eine Art Alter ego erkannt hat. Bisweilen überrascht die Ähnlichkeit beider Künstlerinnen in Charakter und Klangfarbe ihrer Werke. Was aber liegt der ähnlichen Anmutung zweier so unterschiedlicher Künstler und ihrer Werke zugrunde? Zum einen der elementare Formenkanon und das immer und immer wiederkehrende Vokabular: Vogel und Schmetterling, Auge und Träne, Blume und Baum, Wolke, Regen und Sonne, das Kreuz, in immer neuen Fügungen variiert, schließlich der Engel. Es ist zum anderen die verzweifelt hoffende Liebe und Sorge, mit der beide Frauen dem Menschen und der ihn gebärenden Natur begegnen. Und es ist am Ende eine aus all dem Genannten folgerichtig entspringende ähnliche Gestimmtheit und Tonlage, aus der heraus sich beider Künstlerinnen Sprache formt: der einen Wortdichtung, der anderen Bilddichtung. So begegnet in den Bildern der Agathe Böttcher eine lyrische Verdichtung von Bildlichkeit, wie sie selten zu sehen ist. Sie sind im eigentlichen Sinne gemalte Gedichte, zu Bildern gewordene, als Bilder geformte Gedichte.

Wie verzaubert zu sein, sagte Else Lasker-Schüler einmal, das sei als das Höchste für ihre besten Gedichte zu wünschen. Lässt man sich auf die zugleich faszinierende und einnehmende Aura der Agathe Böttcher und ihrer Bilder ein, dann meint man, diese Sehnsucht nach Verzauberung tatsächlich zu spüren.

Michael Böhlitz
(Auszug aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung am 30. Mai 2009)

Bertram Kober - Carrara und Sacri Monti | Ausstellung | Galerie Himmel

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